Heft 
(1892) 71
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Deutsche Rundschau.

des Aeschhlos hat, selbst neben Aegisth, etwas Gleichgültiges für uns heute. Viel­leicht erschien Agamemnon als die Jncarnation legitimer Herrschaft den antiken Völkern wichtiger, inhaltreicher. Die Zeiten tragen solchen Gestalten ein wech-- selndes Interesse entgegen. In den Nibelungen wiederholt sich diese Rolle eines Königs, der nur deshalb, weil er König ist, eine bedeutende Stellung über den Anderen einnimmt. Agamemnon hat in seinem Verhältnisse zu den übrigen Fürsten des griechischen Heeres Ähnlichkeit mit dem Könige Günther. Sie beruht nicht auf einer Abhängigkeit des Nibelungendichters von Homer, sondern aus Ähnlichkeit der in den Zeiten liegenden Anschauungen. Beider Könige kalte, egoistische Naturanlage findet in ihrem eigenthümlichen Rangverhältnisfe sowohl Entschuldigung als ununterbrochenen Anreiz, neu hervorzutreten. Wo vom Ja und Nein der höchsten Gewalt die Dinge abhängen, werden die Träger dieser Macht mit einer gewissen Nothwendigkeit in der Dichtung sich überall so ent­falten, wie bei Agamemnon und Günther. Der widerwärtige Eindruck, den sie machen, war von den beiden Dichtern beabsichtigt. Sie bedurften so gearteter Charaktere für ihre Compositionen. Ohne Agamemnon's Bethätigung würde das Ganze der Ilias kein völliges Gleichgewicht besessen haben.

Nun aber ziehen wir auch Folgendes in Betracht. Der oberste Heerführer der Griechen war eine freie Hervorbringung Homer's: sobald dieser aber den König einmal geschaffen hatte und ihn seiner Natur nach eingreifen ließ, gewann Agamemnon dem Dichter selbst gegenüber eigene Stellung. Eine solche Bildung ist, wie ein Kind, das Geschöpf seines Vaters: einmal aus der Welt, tritt es bald seinen eigenen Gang durch die Ereignisse an. Der Vater vermag es nicht zu zwingen, anders zu sein als es ist. Nun sage ich, daß Homer in der Ge­rechtigkeit, mit der er die von ihm geschaffenen, dann aber zu freiem Kampfe mit dem Schicksale entfesselten Charaktere behandelt, die mir bekannten anderen Dichter übertrifft.

Ich stelle Homer hier nicht bloß dem Dichter der Nibelungen gegenüber, die neuesten Erzähler können hier mit ihm verglichen werden. Bei ihnen allen es ist mir, indem ich dies ausspreche, eine lange Reihe von Werken gegenwärtig sehen wir, wo handelnde Gesellschaften dargestellt werden, dieselbe, ich möchte sagen, allgemein menschlich-literarische Methode hervortreten. Und zwar ist an erster Stelle zu beobachten, wie sehr diejenigen, welche die Mitte der gesammten Entwicklung bilden, technisch anders behandelt werden als ihre Umgebung» Immer haben diese Hauptpersonen etwas Umrißloses, Allgemeines, Schwan­kendes im Vergleiche zu den Uebrigen, die, von Charakter und individuellen Be­sonderheiten erfüllt, viel fester und sicherer auftreten als sie, und deren Handlungs­weise wir beinahe vorauswiffen.

Wie erklärt sich dieser Unterschied? Da vielmehr das Entgengesetzte zu er­warten wäre.

Einer der erfolgreichsten, nationalsten und zugleich internationalsten, erfah­rungsreichsten Autoren ist Dickens. Ich greife einen seiner am durchsichtigsten componirten Romane heraus, Little Dorrit, eines seiner späteren Werke, bei denen seine Art zu arbeiten in fest ausgeprägter Weise wirkt. Die Haupt­personen der Komposition, das junge Mädchen und der junge Mann, von denen