Heft 
(1892) 71
Seite
75
Einzelbild herunterladen

Homer als Charakterdarsteller.

75

das Interesse getragen wird, sind technisch anders behandelt als die übrigen Per­sonen. In zum Theil sehr scharsen Silhouetten hervortretend, haben diese übrigen etwas zur Carricatur Neigendes an sich, während jene beiden, mit nur allgemeinen, ihnen die Sympathie des Lesers aber immer reichlicher zuwendenden Eigenschaften ausgestattet, zuweilen etwas beinahe Verschwommenes empfangen. Dickens wollte, daß das fast übertriebene Gefühl von Lebenswahrhaftigkeit, das die Neben­figuren dieses Romans ausathmen, den beiden Hauptpersonen zu Gute käme, denen dadurch ein Schimmer von Realität verliehen wird, ein bloßer Schein, der nur auf diesem künstlichen Wege aber zu erreichen war. Alle jene Neben­personen dienen den Leiden Hauptgestalten, die, ganz anders beschaffen als sie, von dem traumhaft undeutlichen Schwanken zwischen Wollen und Müssen erfüllt find, das als etwas Unbestimmtes und fast Unbestimmbares allen höherstehenden Naturen von den Dichtern mitgegeben wird.

Bemerken wir, wie Goethe bei Wilhelm Meister und in den Wahlver­wandtschaften das gleiche Verfahren beobachtet. In beiden Romanen haben die Nebenfiguren geistig und körperlich etwas durchaus Festumrissenes, fast mit nieder­ländischem Pinsel Gemaltes, während Wilhelm und Mignon, Eduard und Ottilie wie von einem zarten Nebel überdeckt sind, der die Umrisse und Farben verschwimmen läßt, durch den Gefühle und Gedanken hindurchleuchten. Ebenso Faust und Taffo und Iphigenie. Die äußere Gestaltung umzittert sie nur. Es sind keine bemalten Terracotten wie die sie umgebenden Figuren, sondern dämmernde Erscheinungen. Wir sehen nicht, wir ahnen nur. Und so Hamlet, Cordelia, Julia, Macbeth, Don Carlos, Wallenstein: sie schwanken vor unseren Blicken und scheinen ihr letztes Geheimniß für sich zu behalten. Dieses Unabgeschlossene, Zweifelhafte der Hauptpersonen scheint dem Dichter stets eine letzte Entschließung über den Gang ihres Schicksals offen zu halten. So daß sie sich, herausbrechend aus dem eingeschlagenen Wege, dahin und dorthin wenden dürften, während jene Neben­personen verurtheilt sind, die einmal eingeschlagene Straße festen Schrittes zu Ende zu gehen. Ohne dieses Thema hier erschöpfen zu Wollen, so daß ich eigentlich abbrechen könnte, citire ich doch noch ein prosaisches Epos, in Welchem der Gegen­satz besonders glänzend hervortritt: Nievws Erinnerungen eines Achtzigjährigen', einen der besten Romane des neunzehnten Jahrhunderts. Die Hauptperson, Pisana, bewegt sich in absoluter Ungebundenheit. Diese Gestalt, man könnte sie eine ins politisch Heroische übersetzte Philine nennen, ermangelt völlig der bestimmenden Umrisse, erfüllt uns aber mit penetrantem Gefühle ihrer Gegenwart, und wird dadurch, daß sie von einer Fülle charakteristisch festgezeichneter Gestalten umgeben ist, auch mit einem äußerlichen Anschein von Existenz umhüllt, den wir nirgends vermissen. Für sich betrachtet aber hat sie etwas Wesenloses.

Diese Freiheit des echten Dichters, seine Hauptfiguren, ohne die seine Dich­tung inhaltslos würde, zugleich ideal verschwimmend und realistisch fest zu ge­stalten, einen rätselhaften Gegensatz also in ihnen zu verkörpern, wie das Leben selbst übermächtige Charaktere uns entgegenstellt, entspringt stets derselben Quelle: daß der Dichter in ihnen nicht ihm mehr, oder weniger fernstehende Charaktere schildert, sondern in allgemeineren Umrissen sein eigenes ihn bedrängendes Dasein zeigt. Die gesellschaftliche Stellung dessen, dem er dieses Amt zutheilt, ihn