Heft 
(1892) 71
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Deutsche Rundschau.

selbst zu repräsentiren, spielt hier keine Rolle. Gil Blas, ein Bedienter, reprä- sentirt die Kritik, mit der Le Sage seine eigene Zeit betrachtet, und verleiht dem Romane dadurch seine Wirksamkeit. (Voltaire hat nicht eine einzige Gestalt dieser Art hervorgebracht.) Don Quichote, obgleich von Verrücktheit besessen, ist allen ihn umgebenden Gestalten geistig überlegen und seine barocke traum­haft seltsame äußere Gestalt tritt neben dieser inneren Eigenschaft in den Hinter­grund. Sogar seiner Preziosa (dem Urbilde Mignon's) hat Cervantes Etwas von diesem Wesen zu verleihen gewußt, das weder Lope noch Calderon, die nie sich selbst geben, ihren Figuren zu verleihen im Stande waren. Molisre's Misanthrope hat es in hohem Grade: keine von den Schöpfungen Corneille's und Racine's besitzt es. Dante dagegen hat in seiner eignen schwankenden Gestalt ein wunderbares Bild dieser verkörperten Kritik geschaffen. Denn seiner Kritik bieten sich alle Anblicke dar; auch die höchsten Erscheinungen des Paradieses sind nur dazu da, in seinem Geiste Reflex und Erklärung zu finden. Dante geht ohne andere eigene Eigenschaften als die höchst empfindlicher Receptivität durch die Erfahrungen hindurch. denen Virgil ihn zusührt. Virgil hat seine Mission als Führer Dante's. Dante selbst will nur erleben und berichten. Das will auch Wilhelm Meister. Das will Werther. Das will Hamlet. Sie wollen sehen, fühlen, ihr Schicksal erfüllen. (Deshalb Lei Wilhelm Meister kein Abschluß möglich.) Dies ist das Geheimniß Achill's bei Homer. Achill will nichts- Er Weiß Alles voraus. Er geht durch die Ereignisse hindurch. Er hat in der Ilias keinen Abschluß. Daß sein Untergang bevorsteht, wissen wir. Bei Achill handelt es sich nur um den inneren Umschwung. Er will ihn erleben, weil er ihn er­leben muß. Keine Rettung. Es ist der Genius des griechischen Volkes in ihm verkörpert. Er bringt Homer's innerste Empfindung zum Ausdrucke.

Wo Achill erscheint, fühlen wir, gibt er den Anstoß zu der Gedanken­bewegung der Uebrigen. Aeußerlich aber fehlen ihm charakteristische Ab­

zeichen. Er ist wie ein Gewitter, wie überströmende Stromesgewalt, Wie ein .Wolkenbruch, wie ein stürzender Fels. Und je mehr das Gedicht sich seinem Ende nähert, um so mehr tritt dies Elementare hervor. Er hat etwas Un­begrenztes. Nur dadurch, daß Homer ihn mit einer Fülle von scharf begrenzten Individualitäten umgibt, die auf das Kunstreichste in verschiedenen Manieren gebildet werden und immer in festen Farben und Umrissen erscheinen, wird es dem Dichter möglich, das Schrankenlose in Achill's Natur, das Schwanken zwischen Menschlichem und Göttlichem mit glaublichen scheinbaren Umrissen zu umgeben. Entweder nennt er ihn nicht und läßt ihn in unserer Erinnerung nur im Hinter­gründe sich halten, oder er stellt ihn dicht vor uns hin, dann aber so machtvoll, daß die Andern verblassen, daß Achill immer aber trotzdem als einer von ihnen er­scheint. Der Triumph dichterischen Könnens.

Und nun bewundern wir weiter, in welchem Wechsel Homer die Umgebung Achill's behandelt. Den niedrigsten Rang nehmen Dolon und Thersites ein, sie zugleich sind die sichtbarsten Gestalten. Stufenweise erhebt er die anderen Figuren, bis sie in Hektar, Diomedes und Patroklos Achill fast erreichen: wieviel indivi­duell Besonderes aber mischt er auch diesen noch bei, um jeden Vergleich mit Achill vorweg aufzuheben. Ja, ich glaube, daß dieses Bestreben, Achill zur er-