Homer als Charakterdarsteller.
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habensten Figur der Dichtung zu machen, dazu beigetragen hat, daß die Wirtschaft der Götter zuweilen so grell seltsame Gestalt annehmen mußte. Von den Göttern handelt keiner, menschlich genommen, aus edlen, reinen Gedanken. Homer's Götter sind wie leidenschaftliche Kinder, die Alles als Spielzeug nehmen, um es zu liebkosen und zu zerstören. Agamemnon dagegen ist ein Mann. Ein Mann, dem die Mittel des gemeinen menschlichen Lebens geläufig und genehm sind, seine Pläne durchzuführen.
So kehre ich zu Agamemnon's Betrachtung nun zurück, wie Homer ihn technisch gestaltete. Während Achill in dem, was er thut und sagt, nur aus dem weitesten idealen Umkreise menschlichen Seelenlebens zu verstehen ist, erblicken wir in Agamemnon das Konglomerat einer Fülle einzelner realer Bethätigungen. Jedes Ereigniß seines Lebens trennt sich vom andern ab, trägt stets aber die Farbe, die Agamemnon eigen ist. Daher das Einheitliche. Da Homer ihn in einer ununterbrochenen Folge kleiner Handlungen auf der Bühne sesthält, wird Agamemnon uns, so wenig er uns sympathisch ist, durchaus vertraut. Verfolgen wir seinen Charakter durch die vierundzwanzig Gesänge der Ilias, so steht uns ein festes, dichtes Gewebe vor Augen. Ueberall, wo der König auftritt, handelt er aus den gleichen Gesichtspunkten. Nie wiederholen sich diese Scenen. Immer steigern sie sich. Das letzte Austreten zeigt ihn, wie das erste ihn erscheinen ließ: rücksichtslos, vornehm, habsüchtig. Es ist, als wolle der Dichter sagen: diesem Manne gegenüber sind die Schicksale machtlos: er bleibt derselbe. Wie kommt der Dichter dazu, eine unserem Herzen fernstehende, im edleren Sinne gleichgültige Persönlichkeit, in so specieller Arbeit durchzuführen? Lagen hier persönliche Erfahrungen besonderer Art vor? Aus solche Fragen wird es keine Antworten geben. Ich erinnere daran, mit welcher Mühe Goethe im Wilhelm Meister die Persönlichkeiten seiner Weimaraner täglichen Umgebung zu Romansiguren umgearbeitet hat. Wir haben manche vertrauliche Stelle darüber in seinen Briefen: die eigentliche Procedur bleibt uns doch verhüllt. Und Wen er vor Augen hatte, wissen wir niemals, so genau wir über die Weimaraner Verhältnisse unterrichtet sind.
Es ist, wollen wir Agamemnon's Handlungsweise im einzelnen Falle verstehen, immer auf das zunächst Vorhergehende zurückzugehen. Juristisch ist Agamemnon stets im Rechte. Der Inhalt der Ilias ist überhaupt, sobald wir von Achill absehen, wie ein verwickelter Proceß, bei dem der Dichter zugleich als Ankläger und als vertrauter Anwalt des Mithandelnden eintritt. Er weiß um die Geheimnisse der ganzen Gesellschaft.
Am Schlüsse des neunten Gesanges hatte Agamemnon sich, was seine Differenz mit Achill anlangt, als übelberathen und im Unrecht stehend selbst anerkannt. Bemerken wir, wie geschäftsmäßig es dabei zuging. Achill zu versöhnen, d. h. modern gesprochen: den streikenden vornehmsten Heerführer dem Dienste wiederzugewinnen, hatte der König natürlich die ersten Schritte zu thun. Er versteht sich dazu. Bemerken wir aber sein Verfahren. Er ist bereit, zu thun, was verlangt werden kann, nicht aber mehr! Wie wenig ging er mit voller Hingebung an das, was die Lage der Dinge erforderte, vor, sondern überschätzte, erfüllt von nicht zu überwältigendem Hochmuthe, den Werth seiner freiwilligen Selbst-