Heft 
(1892) 71
Seite
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Deutsche Rundschau.

Beginne unseres zehnten Gesanges, wo er in der Nacht Agamemnon jetzt auf­sucht und Nestor sich tadelnd über ihn ausspricht.

Deutlicher konnte Homer nicht zu verstehen geben, wie Menelaos zu den anderen Fürsten sich verhielt und sie zu ihm. Er war nachgiebig. Er stand neben seinem Bruder, ohne ihm untergeben zu sein. Um so entschiedener war Agamemnon's moralisches Uebergewicht*). Sein hoher Rang und seine jüngeren Jahre setzten Menelaos gleichsam außer Kritik. Daher Agamemnon's Ermahnung, höflich mit den Fürsten zu sein, doppelt angebracht, Nestor's Tadel verständlich und wiederum Agamemnon's Verteidigung sehr geschickt, der Menelaos' ungleiches Benehmen mit der Rücksicht, die er für ihn, den älteren Bruder habe, entschuldigt.

Homer hat in Paris neben Hektar und in Menelaos neben Agamemnon zwei Urtypen brüderlichen Verhältnisses dargestellt, die das menschliche Leben bietet. In Hektar läßt der Dichter den ruhigen, das Wohl und die Ehre der Familie rein im Herzen tragenden Aelteren auftreten, dem der leichtsinnige, stets neue Verlegenheiten schaffende, aber liebenswürdige und seiner Fehler sich schämende jüngere Paris beigesellt ist. Immer wieder hofft Hektar, beim wachsenden Ernste der Verhältnisse, aus den Moment gründlicher Umänderung der ganzen Natur bei Paris. In Güte und Strenge wechselnd, hält er liebevoll unver­brüchlich an seinem Bruder fest. Innerhalb der kritisch gestimmten Bürger­schaft stehend, aus deren Urtheil auch die Frauen Einstuß haben, fühlen beide, wie sehr sie auf einander angewiesen seien. Die echten Söhne des Priamos hatten einen Kreis unechter um sich herum, aus denen sie hervorragen. Wie in Florenz von Dante's Zeiten bis zu denen Michel Angelo's saßen die alten Bürger auf den öffentlichen Plätzen und beurtheilten, was in der Stadt geschah. Hektor und Paris kannten ihre Stellung Wohl, und der Leichtsinn des Jüngeren war ebenso sehr ein Vorwurf für ihn selbst als eine öffentliche Calamität. Die beiden Söhne des Atreus dagegen repräsentiren im griechischen Lager die Ver­bindung zweier mächtiger Fürsten, die für einander einstehen. Auch sie kennen die Wichtigkeit der öffentlichen Meinung innerhalb der Armee, blicken aber auf die Verbündeten Griechen gleichmüthig herab. Sie sind höflich aus Berechnung. Kalte Habgier erfüllt sie. Sie zeigen die Sicherheit zweier Männer, die genau ermessen, was sie Jeder von ihnen ohne den Anderen wären, und die sich bewußt sind.

i) Wir kennen keinen antiken Typus des Menelaos. Daß ein solcher existirt habe, geht aus einer Stelle des Philostratus hervor, wo als Menelaos Kennzeichen das Freundliche, Gütige (ro genannt wird. Auf etruskischen Spiegeln erscheint er bartlos neben dem bärtigen

Agamemnon; auch wird er zu dem gleichfalls bartlosen Paris so in Parallele gebracht. Ich ver­danke Brunn diese (und andere, hier fortgelassene) Notizen. Meine Absicht ist nicht, auf diese Dinge einzugehen. Ich erwähne sie nur, um das speciell Jugendliche des Menelaos hervorzuheben, das sür seine Erscheinung durchaus zu betonen ist. Die Menelaos und Patroklos genannte berühmte Colossalgruppe muß anders bestimmt werden. Auch in Cornelius' Darstellungen der Kämpfe vor Troja ist die falsche Auffassung übergegangen, während Cornelius wiederum, bei der Hochzeit des Peleus und der Thetis, Peleus als Jüngling darstellt. Es ist mir keine, weder antike noch moderne bildliche Illustration des Homer bekannt, die dem Inhalte der Ilias und Odyssee entspräche, wie die unbefangene Lectüre der Gedichte deren Gestalten uns zeigt. Sammlungen von antiken Bildwerken, deren Anblick unsere lernende Jugend tiefer in Homer eindringen lassen soll, find nur geeignet, zu verwirren und falsche Anschauungen in die Phantasie zu versetzen.