Homer als Charakterdarsteller.
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daß ihr Erfolg auf ihrer Einigkeit beruhe. Homer will Menelaos auszeichnen, wendet dazu aber nur äußere Zeichen des Respectes an, von dem umgeben er ihn hinstellt und bei denen er die angeborene zweite Rolle des jüngeren neben dem älteren Bruder nie vergißt. Von rein heldenmäßigem, vollem Ruhmesglanze umlodert läßt er weder den einen noch den anderen jemals erscheinen; immer ist ein Aber dabei. Menelaos steht als Kämpfer well hinter Agamemnon zurück. Homer- betont die Inferiorität des Menelaos, fast möchte man sagen, als etwas Selbstverständliches. Nicht bloß in den bis hierher der Ilias entnommenen Stellen tritt diese Behandlung des Menelaos hervor, sondern bei allen folgenden Gelegenheiten, wo Homer ihn in die Handlung eingreifen läßt, zeigt er die gleiche Anlage des Charakters: das Unfruchtbare, das Ablassen, das Höfliche. Ich werde später das Gesammtrefultat noch einmal aus dem Vollen ziehen.
Vergessen wir nun aber nicht, daß Paris, Hektar und Helena, und Menelaos und Agamemnon nicht Hauptpersonen besonderer Gedichte, sondern nur Gestalten sind, die, sobald wir Achill nennen, an Licht und Gewicht einbüßen, auch wenn sie in bei weitem sichtbareren Umrissen dastehen als Achill. Eben deshalb charakteristrt sie der Dichter so fest und eingehend, weil sie nur dazu da sind,
Achill in seiner glanzvollen Unbestimmtheit als Hintergrund und Umgebung zu
dienen. —
Agamemnon also ist mit Nestor zu der Lagerstätte des Odysseus gegangen. Sie treten nicht in sein Zelt ein, sondern Nestor ruft draußen, und Odysseus
kommt hervor. Wieder die gleiche Frage: warum sie Nachts, wo andere Sterb
liche schlafen, einsam die Schiffe durchwandeln. Bemerken wir auch, daß nur Nestor Odysseus anruft und mit ihm verhandelt: hier fühlen wir recht, wie Homer Agamemnon als vom'Dunkel umhüllt zwar zugegen sein, aber nicht genauer sichtbar werden läßt, denn Odysseus sieht Wohl, daß ihrer zwei zu ihm kamen, da er sie mit „ihr" anredet. Odysseus wirft sich den Schild über und folgt. Sie erreichen alle drei die Stätte, wo Diomedes ruht. Von seinen Genossen umringt, liegt dieser außerhalb des Zeltes. Nestor stößt mit dem Fuße Diomedes' Fuß an und fragt scheltend, wie man schlafen könne, während die Troer dicht vor dem griechischen Lager ständen. Diomedes springt empor. Seine erste Empfindung ist, daß es sich für ihn, den Jüngeren, nicht schicke, von Aelteren erweckt zu werden, und er beginnt mit Vorwürfen, daß Nestor selbst gekommen sei, statt Jüngere auszuschicken. „Wohl," antwortet dieser, „so gehe Du nun, um die Anderen zu holen." Wieder entspricht es der herrschenden Dunkelheit, daß Diomedes nur mit Nestor verhandelt, den er an der Stimme erkannte, und den König und Odysseus außer Acht läßt; nicht aber scheint dichterisch wahr, daß das Löwenfell, das er sich überwirft, mit einem dessen Farbe andeutenden Adjectivum versehen wird. Die Dichtung verändert hier plötzlich ihren Charakter. Denn ebenso wenig genügen mir die Worte, die zwischen Diomedes und Nestor weiter hier gewechselt werden. Nicht unpassend, sondern inhaltslos, deuten sie vielleicht aus ein anderes echtes kürzeres Gespräch, das wir nicht mehr besitzen. Höchst auffallend ist, wie ohne Ueber- gang die Fürsten der Achäer am Graben, bei den Wächtern des Lagers, plötzlich zusammen sind. Diese finden sie in Waffen dasitzend, immer die Blicke auf die