Homer als Charakterdarsteller.
95
den heftigen Fortschritt der Erzählung zu mäßigen, entspricht durchaus der Ilias- Dichtung. Man vergleiche die Art zu erzählen, welche Goethe im Werther innehält, mit der in Hermann und Dorothea. Im Werther immer das Drängen auf einen überraschenden Effect, die zurückgehaltene Eile; in Hermann und Dorothea das niemals sich überstürzende, gemächliche Vorwärtsschreiten zu etwas Erwartetem. Diese epische Ruhe mit der Aussicht auf das Gewisse ist es, die Daudet's, Nievo's und Salvatore Farina's Dichtungen heute eigentümlich ist, während der, den diese drei Autoren nachahmen, Dickens mit dramatischer Gewalt auf etwas Ungewisses vorwärts drängt. In den wenigen erzählenden Stücken Schillert gewahren wir den gleichen Zug. Diese Eigenschaft verleiht auch Schiller's historischen Arbeiten die bleibende Wirkung. Auch Treitschke's Geschichtsschreibung wohnt sie inne, der Ranke's dagegen nicht. Es handelt sich hier mehr um die Natur der Autoren als um ihre Kunst. So führen alle Betrachtungen dahin, die Ilias als das Werk des jugendlichen Homer, die Odyssee als das seines Alters anzusehen.