Briefe Thomas Carlyle's an Varnhagen von Enfe aus den Jahren 1837 — 1857 . 97
Emerson schrieb, ohne Belang. Jene nächsten Jahre nach Goethe's Tode waren für sein äußeres und inneres Leben von entscheidender Bedeutung. Dem Stillleben im schottischen Craigenputtock solgten, mit der 1834 durchgesetzten Ueber- siedelung nach London, Zeiten heißester Arbeit sür die tägliche Existenz, schwersten Kampfes um eine literarische Stellung; es war die Geburtszeit der „Geschichte der französischen Revolution", jenes Werkes, das zuerst die innere Abwendung seines Verfassers von literarischer Kritik und metaphysischer Speculation zu den historischen und politisch-socialen Dingen bezeichnte und ihn mit einem Schlage in die erste Reihe der zeitgenössischen Schriftsteller versetzte. Es erschien im Sommer 1837, und die Mühen der Drucklegung sowie die bald darauf beginnenden ersten Vorlesungen vor einem größeren Kreise — sie behandelten die deutsche Literatur von ihren Anfängen bis auf die Romantiker — mögen die Antwort auf Varn- hagen's Sendung bis zum Ende des Jahres verzögert haben. Sobald ihm Zeit zum Aufathmen gegönnt war, schrieb er. Und so trat der Apostel deutschen Geistes und deutscher Literatur in England wieder in directe Verbindung mit einem deutschen Schriftsteller, und zwar mit demjenigen, der, wie kein anderer, im Mittelpunkt unseres damaligen literarischen Lebens stand. Es entspann sich zwischen beiden Männern ein wenn nicht lebhafter, so doch andauernder Briefwechsel, der durch gelegentliche Sendungen von beiden Seiten rege gehalten wurde. Varnhagen sandte nach London die neu erschienenen Bände seiner „Denkwürdigkeiten" und andere deutsche Bücher, deren Carlhle bedurfte, dieser an Varnhagen seine Schriften sowie Autographen englischer Schriftsteller und pudlie man, denn Autographen wurden mehr und mehr Varnhagen's Leidenschaft. Zu zweien Malen haben sich dann die beiden Männer gesehen, zuerst 1852, dann 1858, nicht lange vor Varnhagen's Tode, der darüber in seinen Tagebüchern berichtet hat; beide Male in Berlin, wohin den Geschichtschreiber Friedrich's des Großen das Verlangen führte, die Schauplätze seines Helden mit eigenen Augen zu sehen. So nehmen denn auch in der zweiten Hälfte dieser Briefe die Mittheilungen über seine Arbeit an „Friedrich dem Großen" den breitesten Raum ein, und gerade dies ist es, was ihnen sür uns deutsche Leser noch ein ganz besonderes Interesse verleiht. Vom ersten, scheuen Auftauchen des Gedankens, sich an diesen gewaltigen Stoff zu wagen, verfolgen Wir hier die ganze Arbeit, das qualvolle Ringen mit der Fremdartigkeit des Stoffes, mit dem beständigen Mangel an Büchern und Forschungsmaterial aller Art, mit den Bedenken, die ihm aus der räumlichen Entfernung von den Schauplätzen der zu schildernden Begebenheiten erwuchsen. Und wahrlich, unsere Bewunderung Wird nicht geringer, wenn wir das erreichte Resultat an den Schwierigkeiten messen, die sich seiner Durchführung entgegen- thürmten und die wir hier gleichsam mitzuerleben in der Lage sind.
Bei der Uebersetzung habe ich mich bemüht, den Stempel Carlyle'scher Dic- tion so wenig wie möglich zu verwischen. Nicht immer mag, was undeutsch erscheint, im Original sehr englisch klingen; es klingt eben Carlylisch.
Es ist mir eine angenehme Pflicht, auch an dieser Stelle dem Freunde und literarischen Testamentsvollstrecker Carlyle's, dem Nestor der englischen Historiker, Herrn James Anthony Fronde, meinen herzlichen Dank auszusprechen
Deutsche Rundschau. XVIII, 7 . 7