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Deutsche Rundschau.
noch einen psychologischen Reiz, welchen de Courcy durch seine fesselnde Erzählungsgabe zu voller Wirkung zu bringen verstanden hat. So gehalten und würdevoll auch der spanische Hof nach außen sich gibt — wir sehen ihn bei näherer Betrachtung innerlich von demselben leidenschaftlichen Feuer durchglüht, das die Nation erfüllt, und dieses Feuer bricht im Kampf der Menschen und Parteien nicht selten offen hervor. Im Allgemeinen läßt sich sagen, daß, solange die Fürstin des Ursins ihren Einfluß am Hofe hatte, die Einheit der beiden Kronen im Ganzen erhalten blieb; die Fürstin hat ihre geschichtliche Bedeutung gerade darin, daß sie diese Einheit von Frankreich-Spanien standhaft und mit männlicher Energie zu erhalten wußte. Aber eben die farnesinische Heirath, welche die Fürstin selbst dem König empfahl, führte ihren Sturz und die Entzweiung Frankreichs und Spaniens herbei, worauf die bekannten unglückseligen Versuche der Rückeroberung Italiens für Spanien unternommen wurden. Courcy's Urtheil ist wohl begründet, wenn er Elisabeth von Parma „Spaniens bösen Genius während dreißig Jahren" nennt; aber er hebt doch auch die grandiosen Züge der Königin und ihrer Politik mit, wenn wir so sagen dürfen, widerwilliger Gerechtigkeit hervor. Um so schlechter kommt Philipp V. weg, welcher wohl ein tapferer Soldat, aber von so biegsamem und schwachem Charakter war, daß er sich beständig unter das Joch seiner Frau beugte und zeitlebens nie mehr war als „uv ksntoms äs Roi".
/. Nsmoirss äs Nnäsins äusllssss äs Osntuut, douvsrnsnts äss sntüntL äs Brunos psnäsnt In rsstsurstion, 1773—1836. Uaris, Ulon, Murrst st Ois. 1891.
Es ist nicht möglich, ein reizenderes, lieblicheres Frauenantlitz zu sehen, als das der Herzogin von Gontaut nach der diesem Buche beigegebenen Heliogravüre gewesen ist. Die Lektüre ihrer Denkwürdigkeiten hinterläßt einen dem Bilde vollkommen entsprechenden Eindruck. Ein frohes, frommes, treues und reines Gemüth tritt uns aus Allem entgegen und nimmt uns die Seele mit dem solchen Gemüthern eigenen Zauber gefangen. Die Herzogin, 1773 als Tochter des Grafen von Montault-Noailles geboren, hat noch das Abendroth des sneisn rsZims gesehen und mit den Kindern des Herzogs von Orleans den Unterricht der Frau von Genlis genossen, welche ein rechter Typus der volksfreundlichen französischen Aristokratie genannt werden kann; „sie bemühte sich, den Prinzen Interesse an den Sorgen derer beizubringen, mit welchen sie zu thun bekommen, und sie anzuleiten, daß sie
Mittel zur Abhilfe suchten"; sie war untröstlich darüber, daß namentlich der Herzog von Chartres sich diesen Bemühungen gegenüber kalt und gleichgültig zeigte. Dann, sechszehnjährig, erlebte die Herzogin die Greuel der Revolution; es blieb ihr unvergeßlich, daß sie am 11. Juli 1789 es mit angesehen hatte, wie die Zsräs8 trangawss mit dem Volk sich verbrüderten, wie sie Weiber nach sich zogen, welche als Nonnen verkleidet waren, während vermummte Kapuziner zitternde Frauen fortschleppten, und alle schrieen und sangen: „Is8 sucht«eratss s Is Isntsrns:" wie ihr sechsundsiebzigjähriger Vater mit drei Dienern, zwei Pistolen in der Hand, das Haus und seine Lieben bis zum Tode zu vertheidigen sich anschickte und wie er die Tochter hinter ihm selbst sich aufstellen hieß. Das war aber nur der Anfang der Schrecken, durch welche die seit Herbst 1789 verwittwete Gräfin von Montault- Noailles zur Auswanderung nach Coblenz, Holland und schließlich England sich genöthigt sah. Hier verheirathete sich die Verfasserin unseres Buches mit dem Herrn von St. Blancard, welcher nunmehr den Titel Vicomte de Gontaut- Biron annahm: die äußeren Verhältnisse waren so beschränkt, daß das junge Ehepaar nur ein einziges Dienstmädchen halten konnte; „aber," sagt die Herzogin, und das dürfte sie charakterisieren, „bei öffentlichem Unglück ist die Ar- muth leicht zu ertragen; man müßte sich schämen, darüber zu klagen; die wahre Demüthigung läge darin, wenn man sich nicht muthig in das Unvermeidliche finden wollte." Im Jahre 1814 konnten die Verbannten zurückkehren, und während der Restaurationszeit wurde die Herzogin zur Erzieherin der Kinder des Herzogs von Berry ernannt, was sie nicht ohne Bedenken, aber doch der Stimme von Pflicht und Dankbarkeit gehorchend, annahm. So ward sie Zeugin des Todes des Herzogs, den sie „das beste Herz" nennt, der mit seinem letzten Wort noch um Gnade für seine Mörder bat. Durch die Julirevolution wurde die Herzogin, welche mittlerweile Wittwe geworden war, zum zweiten Mal vertrieben; aber die Ränke, welche sich am Hos- lager des verjagten Königs entspannen, veran- laßten sie 1834, nachdem der Herzog von Bordeaux („Heinrich V.") volljährig geworden war, zur Ausgabe ihrer Stellung und zur Rückkehr nach Frankreich. Mit Karl's X. Tode schließt die Erzählung, deren Gerippe nur wir andeuten konnten, die aber interessant, sittlich durchwärmt und für manche Partien der neueren französischen Geschichte (namentlich nach der persönlichen Seite) nicht arm an Ausschlüssen ist.
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