literarische Notizen.
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Gaudi's Quellen allerdings zum Theil gegen den König voreingenommen sind, daß aber die Art ihrer Benutzung nicht erheblich beanstandet werden kann; Vorsicht in der Verwerrhung des Journals ist aber absolut geboten. Einen Angriff, den Klopstock in der Gelehrtenrepublik gegen Friedrich d. Gr. richtete, deckt Otto Tschirch auf; Lübeck hatte die betreffende Stelle auf Wieland beziehen zu sollen geglaubt. An achter Stelle legt Reinhold Koser die Berichte des kurbraunschweigischen Gesandten v. Beulwitz vor, welcher Friedrich Wilhelm II. zu seiner Thronbesteigung Glück zu wünschen hatte; in der Zeit vom 1. September 1786 bis 10. Januar 1787 aus Berlin erstattet, sind sie von Interesse für die Kenntniß der Beurtheilung, welche der neue Herrscher fand. Beulwitz fiel sofort der religiöse Eifer desselben auf: dem Kultminister v. Zedlitz bedeutete der König nach Beulwitz, er sei wohl eiir guter Jurist, aber ein schlechter Christ: alsbald äußerte sich die Be- sorgniß, „man möchte inskünftige in das Ueber- triebene der Frömmigkeit fallen." In besonders Helles Licht tritt der ärgerliche Handel mit der Hofdame v. Voß, welche der König zur linken Hand sich antrauen lassen wollte.
/. Der Friede von Utrecht. Von Ottokar Weber. Gotha, F. A. Perthes. 1891.
Der Utrechter Friede vom 11. April 1713 hat eine ganz hervorragende Bedeutung, weil er in Spanien dis bourbonische Dynastie begründet, die Niederlande, Mailand, Neapel, Sicilien und Sardinien aus der jahrhundertelangen Verbindung mit Spanien gelöst und Englands Weltstellung angebahnt hat. Der Friede ist aber, obwohl seine Ergebnisse von der nachfolgende» Zeit im Wesentlichen bestätigt worden sind, doch aufs heftigste angefochten worden, zuerst von Kaiser Karl VI., welcher durch ihn die letzte Aussicht auf den Erwerb Spaniens verlor, dann von Bolingbroke, seinem eigentlichen Urheber, welchem nach Jahren sein eigenstes Werk mißfiel, und schließlich von einem großen Theil der Engländer selbst, wie denn Lecky ihn eins der schmachvollsten Blätter in der englischen Geschichte nennt. Nun hat Weber, Privatdocent an der deutschen Hochschule zu Prag, durch eingehende Archivstudien in Wien, Paris, London und dem Haag dem Friedenswerk eine neue Behandlung angedeihen lassen, deren Ergebniß ist, daß die Mehrzahl der Hauptbetheiligten, England, Frankreich und sogar Holland, bei dem Frieden ihre Rechnung gefunden haben. England erreichte u. a. auch ein gutes Einvernehmen mit Frankreich, was sein Eingreifen in den nordischen Krieg erfolgreicher zu gestalten versprach, und durch Gibraltar und Port Mahon eine mächtige Stellung im Mittelmeer; Frankreich hatte die Genug- thuung, daß Philipp von Anjou den spanischen Thron schließlich behauptete und, wenn sein einziger Sohn starb, zwischen der Vereinigung Frankreichs und Spaniens nichts stand „als ein Blatt Papier", von dessen Unzerstörbarkeit nicht viel zu halten war; Holland gewann, trotz seiner ziellosen Politik, die Festungsbarrisre und einen nicht unvortheilhaften Handelsvertrag. Nur der
Kaiser hätte in Utrecht eine Reihe von Bedingungen annehmen sollen, welche ihm lästig waren; er hat sich aber geweigert, was Weber im Unterschied von der gangbaren Auffassung nicht nur nicht tadelt, sondern sogar lobt, und er hat dann im Rastatter Frieden die Unversehrtheit der Niederlande gerettet, sowie die Insel Sardinien herausgeschlagen, auch den Paragraphen beseitigt, welcher ihn zur Herausgabe der Einnahmen des rechtmäßig eroberten Bayerns verpflichtete. „Der Rastatter Friede war für ihn unvergleichlich besser als der Utrechter." Was England anlangt, so schließt Weber mit den Worten: „Die Minister standen glänzend vor der Mitwelt da; die Nachwelt hat sie dann gerichtet." Es wäre freilich nicht unerwünscht gewesen, wenn er dieses Urtheil etwas näher begründet hätte; wir möchten — im Wesentlichen mit Professor Schirren in der „Deutschen Litteraturzeitung" übereinstimmend — glauben, daß die Sache vielmehr so lag, daß die Whigs alle die Vortheile, welche der Friede bot, gern annahmen, hinterher aber, wie nichts mehr davon zu gefährden war, doch aus Parteisucht über die Tories herfielen, welche versäumt hätten, das europäische Gleichgewicht (durch Fernhalten der Bourbons vom spanischen Throne) zu sichern. Diesen Punkt hebt sogar noch die vorzügliche (bei Cronbach in Berlin auch deutsch erschienene) englische Geschichte von Green hervor, ohne aber anzugeben, wie die Sache zu machen gewesen wäre.
)/. LP 168 IN MIX Ü'llllSvItl
1713 — 1715 . kur 1s murguis äs Eoure^. kari8, klon, Xourrit st Eis. 1891.
Der Marquis von Courcy hat bereits durch sein Buch „Usnonciution äss Lonrbons ä'1l8- xuZns" sich als kundigen und geschmackvollen historischen Schriftsteller erwiesen. Ermuthigt durch den Beifall, welchen das erwähnte Werk gefunden hat, unternimmt er es in dem oben genannten Buche, die Schilderung der 6o8U8 äs lÄprrnu ein paar Jahre weiterzuführen und auf Grund von Berichten des. Pariser Archivs drei Punkte in neues Licht zu setzen: erstens den Kampf der Fürstin des Ursins (Anna Maria de la Tremoille) gegen den Gesandten Lud- wig's XIV., Marquis de Brancas, welcher am Madrider Hofe unter dem Druck der zwischen Großvater und Enkel bestehenden Meinungsverschiedenheiten keinen leichten Stand hatte; zweitens die Sendung des spanischen Großinquisitors, des Cardinals del Giudice, nach Versailles, wo er für die Oumursru inu^or wirken, Ludwig XIV. zu Gunsten der Entwürfe seines Enkels umstimmen und den Boden insgeheim für die spätere Verschwörung von Cella- mare vorbereiten sollte; endlich Philipp's V. zweite Heirath mit Elisabeth von Parma, durch welche die Fürstin des Ursins in demselben Augenblick gestürzt wurde, wo sie hoffte, die neue Königin ebenso beherrschen und leiten zu können, wie deren Vorgängerin, die in Spanien allgemein bewunderte, geliebte und beweinte Maria Luisa Gabriella von Savoyen. Alle diese Dinge bieten außer dem nicht unerheblichen geschichtlichen Interesse, welches sich an sie knüpft,