Heft 
(1892) 71
Seite
476
Einzelbild herunterladen

476

Deutsche Rundschau.

darstellende Literatur vertieft und ein Werk ge­schaffen hat, das über die Durchschnittsleistungen der Franzosen über Fragen deutscher Geschichte hoch hinausragt. Wenn er speciell über Stein urtheilt, er habe viel weniger geleistet, als die Deutschen ihm nachrühmten, und habe die Herr­schaft des Feudaladels über die Bauerschaft nichts weniger als völlig gebrochen, während die französische Revolution dieses Werk gründ­lich besorgt habe, so sagt er uns damit nichts Neues: wir wissen das schon durch das geniale Werk F. G- Knapps, den Cavaignac auch öfters citirt, wie er überhaupt seine Quellen pünktlich namhaft macht.

König Sigmund und Kurfürst Fried­rich I. von Brandenburg. Bon Erich Brandenburg, Or. xllil. Berlin, Mayer u- Müller. 1891.

lieber das Verhältniß, in welchem Kaiser- Sigmund zu dem von ihm zum Markgrafen und Kurfürsten von Brandenburg erhobenen Nürn­berger Burggrafen Friedrich VI. stand, hat sehr- lange die Droysen'sche Auffassung geherrscht, nach welcher- Friedrich VI. von nationalen Ge­sichtspunkten geleitet war und Sigmund des­halb unterstützte, weil er in ihm den Mann zu erkennen glaubte, welcher- eine starke Central- regierung über den Landesgewalten zu begrün­den vermöge. Als er sich in dieser Ansicht ge­täuscht sah, suchte er die erstrebte Centralaewalt ohne den König ins Leben zu rufen und das Kurfürstencollegium zum Träger der Reichsge­walt zu machen; diesen Sinn hatte der Kur- fürstenbund von Bingen. Friedrich VI. ver­mochte aber seinen nationalen Gedanken auch in dieser Form nicht durchzusühren und sah sich, da ihn seine Bundesgenossen im Stich ließen, am Ende genöthigt, mit dem König sich zu ver­söhnen, um völliger Vereinzelung zu entgehen. Dieser- Auffassung ist nun zuerst Caro in seinem 1869 erschienenen dritten Bande derGeschichte von Polen" entgegengetreten, in dem er zwar einen nationalen Anlauf bei dem Kurfürsten zugab, aber ihn.aus Selbstsucht von seinen eigenen Principien abfallen und sich mit Polen verbünden ließ, welches Sigmund feindschaftlich gegenüberstand. Ähnlich urtheilt Friedrich von Bezold in seinerGeschichte der Hüsiten- kriege": auch er erkennt eine nationale Periode bei Friedrich VI. an, betrachtet ihn aber als einen gewissenlosen Egoisten, welcher keinen An­stand nahm, des eigenen Vortheils wegen sich mit seiner Vergangenheit in gänzlichen Wider­spruch zu setzen. Brandenburg sucht nun nach­zuweisen, daß auch der letzte Rest von Droysen's Auffassung über Bord geworfen werden muß, daß Friedrich VI., der den König Sigmund schon von Ntkopoli her genau kannte, gar nie der Täuschung verfallen konnte, als ob der überaus unbeständige Monarch geeignet sei, eine zielbe­wußte Reichsreformpolitik zu betreiben, und daß Friedrich VI. selbst gar nichts Anderes im Auge hatte, als die Interessen seines Landes, wobei er weder von: Kaiser, noch von den übrigen Reichsfürsten, noch von Polen abhängig sein wollte. Mit dem Jahre 1426 vollzieht sich die Erkenntniß, daß er zu einer solchen Politik, wie

sie Preußen seit 1640 durchführte, nicht stark genug sei, und der Kaiser seinerseits begriff, daß er es aufgeben müsse, von dem Kur­fürsten bedingungslosen Gehorsam zu verlangen. Zwischen beiden bildete sich von nun ab eine gegenseitige Duldsamkeit, und so blieb es bis zu des Königs Tode. Die Abhandlung Branden­burgs macht einen vortrefflichen Eindruck; sie ist nüchtern und verständig gehalten und steht im Einklang mit allgemeinen Thatsachen nicht bloß unserer deutschen, sondern aller Geschichte. Die reinen Idealisten, wie Droysen einen zeichnet, sind unter den Staatsmännern stets sehr selten. Die häßliche Schreibung Canditat (auf S. 16) hätten wir gerne vermißt; sie ist natürlich nur ein Iap8N8 ealami.

Forschungen zur brandenburgischen und preußischen Geschichte. Vierter Band, zweite Hälfte. Leipzig, Duncker u. Humblot. 1891.

Der zweite Halbband des Jahrgangs 1891 derForschungen" enthält neben ein paar kleinen Mittheilungen und der Bücherschau acht.größere Aufsätze. Paul van Nießen behandelt die Erwerbung der Neumark durch die Askanier, deren außerordentliche Thatkraft er in Helles Licht stellt. Erich Liesegang liefert einen Beitrag zur Verfafsungsgeschichte von Perleberg, das nach manchen schweren Kämpfen einen Ausgleich zwischen den streitenden Parteien fand, wobei das Patriciat nicht vollkommen gestürzt wurde und eine Abstufung von Rechten und Pflichten Platz griff. Ädolf Stölzel wendet sich mit gewichtigen Gründen gegen die Ansicht Holtze's, als ob 1526 eine Kammergerichts­ordnung für die Kurmark erlassen worden sei. Mit den Beziehungen des großen Kurfürsten zu Magdeburg befaßt sich Ferdinand Hirsch; er legt dar, wie Magdeburg schon im April 1632 sich aus der furchtbaren Verheerung durch Tilly und Pappenheim wieder emporgerichtet hat, wie es die Quellen seines früheren (übrigens im 17. Jahrhundert schon sehr siech gewordenen) Wohlstandes, den Kornhandel und das Brau­gewerbe, wieder erösfnete und mit allem Nach­druck darnach strebte, die Reichsunmittelbarkeit zu erlangen; wie aber Friedrich Wilhelm schließ­lich doch seine auf den westphälischen Frieden begründeten Ansprüche durchsetzte und am 4. Juli 1666 die Huldigung von Rath und Bürgerschaft empfing. Reinhold Koser, der Herausgeber des ganzen Werks, theilt werthvolle Nachrichten über den preußischen Staatsschatz in den Jahren 174056 mit: man sieht, wie Friedrich II. den vom Vater überkommenen Schatz von zusammen etwa zehn Millionen Thalern bald für Kriegs­zwecke verbraucht, bald wieder ergänzt und 1756 fast zwanzig Millionen Thaler angehäuft hat, welche freilich schon im zweiten Kriegsjahre völlig zerrannen. Das berühmte Gaudi'sche Journal, das im Kriegsarchiv des großen Generalstabs sich befindet, eine der reichhaltigsten Quellen zur Geschichte des siebenjährigen Kriegs ist und be­reits in früheren Jahrgängen derForschungen" mehrfach kritisch untersucht wurde, macht jetzt Otto Herrmann zum Gegenstand einer ein­gehenden Analyse, aus welcher sich ergibt, daß