Literarische Notizen.
475
Eine solche Stoffvertheilung bringt freilich manche Unebenheiten in der Bearbeitung mit sich, verbürgt aber auch eine größere Zuverlässigkeit der Angaben und eine vertieftere Auffassung des Einzelnen. Daß für Ausstellungen und Verbesserungen bei einer so gewaltigen Stoff- mafse immer noch Raum bleibt, versteht sich von selbst; den Literaturangaben wäre manchmal etwas anzufügen (so z. B. I 440 die Abhandlung Rohden's überden Sturz Heinrich'sVII., die zur Präcisirung des Probleins doch Manches beigetragen hat); der geistliche Vorbehalt ist II, 82 im Haupttext nicht genannt, wogegen er II 9 auftaucht. Die Behauptung, daß er nur von einer Partei angenommen worden fei, ist in dieser Form mindestens sehr fragwürdig. Aber das sind schließlich doch nur Nebensachen. In der Hauptsache haben Gebhardt und seine Mitarbeiter ihr Ziel in lobenswerthester Weise erreicht, und wir hoffen, daß alle Freunde unserer Geschichte, namentlich auch Studirende, das Buch mit reichem Nutzen gebrauchen werden.
il. IÜ8inai<;Ir eu Oariea1are8. — <)ii8p1, Ll8niui <;k «11a IHpIo-XIIiantrk oa Oaii- vatur68. IMr üoiin (Iran ä-0 arte rot. karis, 1'errin L Oie. — Ob. OolaAravo. 1891.
John Grand-Carteret hat sich durch seine größeren Carieaturen-Zusammenstellungen über die Sitten und die sie verspottenden Zerrbilder in Frankreich und Deutschland einen bekannten Namen gemacht, und auch die beiden neuen vorliegenden kleineren Werke werden bei uns das gleiche Interesse finden, wie die erwähnten umfangreicheren Sammlungen. Jeder der beiden obigen Bände enthält eine Reihe von Zeichnungen, die deutschen, französischen, englischen und italienischen Witzblättern entnommen wurden und eine eigenthümliche Folie zu der historischen Figur des ersten deutschen Reichskanzlers und seinem letzten großen Werke, der Schaffung des Dreibundes, bilden. Wer — und wir Deutsche haben ja gerade hierzu besonderes Talent! — sich ohne Empfindlichkeit und persönlichen Verdruß über die zeichnerischen Verspottungen gewaltiger Männer und gewaltiger Thaten hinwegsetzen kann, der wird seine Freude haben an dem Witz und der Satire, nicht zuletzt auch an der Kunst, welche bei vielen der hier mitgetheilten Bilder den Griffel geführt. Mit einem sich durch Sachkenntniß der geschichtlichen Ereignisse und der sie behandelnden internationalen Literatur auszeichnenden Text hat Grand-Carteret die einzelnen Bilder verbunden, die hierdurch vielfach eine interessante Beleuchtung und Rückwirkung erhalten. Besonders der Bismarck allein behandelnde Band bildet eine werthvolle Ergänzung zu dem bekannten „Bismarck-Album des Kladderadatsch" und unterhält nicht nur die Mitlebenden, sondern wird auch späteren Cultursorschern sehr erwünschtes Material zu unserer Zeitgeschichte liefern.
Das deutsche Heer und die Marine.
Militärtypen von Georg Arnould. Mit erläuterndem Text von Felix von Olberg. Wandsbeck-Hamburg, Kunstanstalt (vormals Gustav W. Seitz). A.-G. 1891.
In großem Format und vorzüglichem Farbendruck, aus welchem Gebiet der bekannte Verlag Musterhaftes leistet, werden in diesem stattlichen Werke die verschiedenen Truppentheile des deutschen Heeres und der deutschen Marine in möglichst genauer Darstellung ihrer Uniformen und in den mannigfachen Lagen des Kriegs und Friedens wiedergegeben. Die einzelnen Bilder, Personen sowohl wie Scenen, sind durchaus populär ausgefaßt und erfreuen durch ihre lebensvolle Gestaltung, die nichts Steifes und Schablonenhaftes an sich hat; die auch zum Einrahmen geeigneten Tafeln, denen stets ein kurzer Text beigefügt ist, sind trotz ihrer ausgezeichneten Herstellung so preiswürdig, daß sie auf eine weite Verbrertung rechnen dürfen.
I^a lormalloa de 1a i?iu886 vvatem- pvraiae. Uar tloäollro^ OavaiZnae. I'sriL, Haeliettö. 1891.
Das vorliegende Buch ist im Wesentlichen eine Geschichte der Ursprünge des preußischen Staates seit dem großen Kurfürsten und des Ministeriums Stein. Cavaignac sucht nachzuweisen, daß die neueren deutschen Historiker im Jrrthum seien, wenn sie meinen, Preußen habe die „Grundsätze von 1789" bei sich schon vor der französischen Revolution durchgeführt, und es habe also des französischen Vorgangs gar nicht bedurft, um in Preußen dis demokratische Veränderung herbeizuführen, welche das 19. Jahrhundert charakterisirt; auch habe aus den weiteren Fortschritt dieser Entwicklung eine französische Einwirkung nicht stattgefunden. Dieser Ansicht gegenüber bezieht sich Cavaignac auf das Wort Kaiser Wilhelm's II.: „Die jungen Leute wissen nicht, wie unsere Nation sich entwickelt hat; sie wissen nicht, daß die Ursprünge unseres jetzigen Zustandes von der Epoche der französischen Revolution herrühren." Nicht bloß die jungen Leute wissen das nach Cavaignac nicht; auch die Historiker trifft sein Tadel; ihnen fehle das Bewußtsein davon, daß Frankreich nicht erst 1789, sondern Jahrhunderte vorher schon begonnen habe, die Grundsätze der Gerechtigkeit und der socialen Gleichheit zu verwirklichen, und daß es am Ende die gesammte europäische Gesellschaft durch sein Beispiel umgestaltet habe. Cavaignac wünscht somit, kurz gesagt, die unbedingte Priorität Frankreichs auf dem Gebiete der socialen Reform zu vertheidigen. Es liegt auf der Hand, daß man ihm mit sehr gewichtigen Einwänden entgegentreten kann. Weder unter Ludwig XIV. z. B., noch unter Ludwig XV. macht Frankreich in hervorragendem Maße den Eindruck, als ob es „die Grundsätze der Gerechtigkeit und der socialen Gleichheit" auch nur vorbereitenderweise bei sich verwirklicht hätte, und die Beweise dagegen kann jeder Primaner sofort aufsagen; dagegen geht Cavaignac über das etwas zu leicht weg, was die Hohenzollern für den kleinen Mann geleistet haben, auch für den Bauersmann. Gleichwohl möchten wir Cavaignac's Standpunkt nicht alles Recht absprechen, und was die wissenschaftliche Behandlung seiner Aufgabe selbst betrifft, so muß anerkannt werden, daß er mit großem Fleiß und Ernst sich in die Quellen und die