Heft 
(1892) 71
Seite
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Deutsche Rundschau.

als möglich heraustrete. Man kann sagen, daß beide Gedanken von Biedermann im Wesent­lichen consequent verfolgt worden sind. Der spanische Erbfolgekrieg ist z. B. auf etwa einer Seite abgemacht: von allen Kriegsereignissen während desselben sind nur Höchstädt, Turin, Malplaquet, und auch diese nur nebenbei, ge- genannt, während dem geistigen Leben des 18. Jahrhunderts eine erheblich eingehendere Beachtung gewidmet ist. Wer diese Behandlung der Geschichte billigt, der kann mit gutem Ge­wissen an Biedermann's Buch gewiesen werden; es ist eine der beachtenswerthesten Leistungen dieser Richtung. Wir für unseren Theil glauben allerdings, daß bei der ausgeprägtenkultur­historischen" Behandlung unserer Geschichte vieles unterdrückt wird, worin sich unsere na­tionale Kraft bethätigt hat und was, gut und lebendig erzählt, nothwendig dazu beitragen müßte, das Nationalgefühl zu entflammen und zu heben.Auch der Krieg hat seine Ehre", und ohne daß wir unsere Kulturarbeit in den geschichtlichen Darstellungen irgendwie unge­bührlich zurückgesetzt wissen wollten wo aber geschieht dies überhaupt wohl noch? möchten wir unserer Jugend und unserm Volke doch auch ins Gedächtniß gerufen sehen, daß wir allezeit ein wasfenfrohes und waffengewaltiges Volk gewesen sind. Wir glauben nicht, daß wir einer auf solchem Boden erwachsenden Gesinnung zur Zeit schon zu entrathen vermögen.

7. Geschichte des deutschen Volkes von G. Dittmar. Heidelberg, Karl Winter, 1891.

Wieder eine deutsche Geschichte, nachdem erst die von Kämmet, die von Lamprecht, und nicht so gar lange vor ihnen die von Hoyns ihren Weg angetreten haben. Wenn man aber auch die Frage des Bedürfnisses nach einem solchen Werke mit einiger Skepsis betrachten mag, so hat die Thatsache, daß eine ganze Reihe von deutschen Geschichten dem Publicum fast gleich­zeitig dargeboten wird, auch wieder ihr Erfreu­liches: wäre kein Verlangen nach solchen Büchern und nach Erkenntniß unserer Geschichte, so würden vermuthlich auch keine derartigen Werke gedruckt werden. Erkennt man dies an, so fragt sich nur noch, ob das jeweils ans Licht tretende Werk gut oder schlecht sei, und ist ersteres der Fall, so mag man ihm gerne glückliche Fahrt wünschen. Was nun das Dittmar'sche Werk anbetrifft, so kann ihm nachgerühmt werden, daß es auf Grund guter, wenn auch nicht überall gleich ausreichender Kenntnisse geschrieben ist; daß es seinen Stoff weder zu breit noch zu knapp behandelt; daß es eine nicht schwung­volle, aber dafür eine klare, verständliche, in der That belehrende Sprache redet; daß es patrio­tisch ohne Chauvinismus, protestantisch ohne Fanatismus ist, und auch die nichtdeutsche Ge­schichte Europas so weit mit kurzen Hin­deutungen heranzieht, als zum Verständnis; der deutschen Vorgänge erforderlich ist. Auch das soll nicht vergessen sein, daß neben den politischen Dingen die culturgeschichtlichen noch ausführlicher, als sonst wohl geschieht, zur Dar­stellung gebracht sind; nachdem z. B. die Ge­schichte des dreißigjährigen Krieges auf etwa

achtzig Seiten erzählt ist, folgen etwa fünfzig Seiten über die inneren Zustände unserer Nation zu jener Zeit. Einzelne Ausstellungen an Dittmar's Darstellung zu machen, wozu da und dort genügender Anlaß wäre, halten wir hier nicht für des Orts; sonst müßten wir z. B. be­streiten, daß im Herbst 1546 Johann Friedrich's Soldaten nach Haus liefen, um Weib und Kind zu schützen, oder daß Karl V. damals (selbst!) nach Köln geeilt sei, um Hermann von Wied abzusetzen, und Derartiges mehr, was allerdings in einer 2. Auflage getilgt werden kann und getilgt werden muß.

7. Handbuch der deutschen Geschichte.

Herausgegeben von Bruno Gebhardt.

Zwei Bände. Stuttgart, Berlin und Leipzig.

Union, Deutsche Veriagsgesellschaft 1891.

Der Gedanke, welcher die Verfasser dieses Werkes geleitet hat, ist ein ohne Zweifel be­rechtigter und zeitgemäßer. Wir haben keinen Mangel an brauchbaren, kürzeren populär-wissen­schaftlichen Büchern zur deutschen Geschichte, auch keinen an gelehrten bändereichen Werken. Die Oncken'sche Weltgeschichte mit ihren hierher gehörigen Abtheilungen, die Cotta'sche Bibliothek deutscher Geschichte, von welcher schon eine Reihe von Bänden von Ritter, Egelhaaf, Lindner, Manitius, v. Zwiedinek vorliegt, endlich die bei Fr. A. Perthes erscheinende, aber leider ungemein langsam sich entwickelnde Neubear­beitung von Psister's deutscher Geschichte ge­nügen hierüberreich dem vorhandenen Bedürfniß. Was uns fehlte, das war eine deutsche Geschichte,, welche mit den letztgenannten Sammlungen die wissenschaftliche Unterlage gemein hätte und doch in so mäßigem Umfang gehalten, daß sie wirklich als Handbuch gebraucht werden könnte. Gebhardt hat nun diese Lücke auszufüllen unternominen, indem er ein Werk nach dem Muster des bewährten Lehrbuchs der Kirchen­geschichte von Kurtz schuf: also ein Handbuch,, welches immer in knappen Paragraphen von größerem Druck das Wesentliche eines bestimmten Zeitraumes zusammenfaßt und dann die ein­zelnen Punkte in kleiner gedruckten Anmerkungen näher erläutert, wobei alle wichtigen Streitfragen als solche gekennzeichnet und besprochen werden und die monographische Literatur wenigstens der letzten zehn Jahre aufgeführt ist: für die frühere wird der Regel nach nicht unpassend auf die 1883 erschienene letzte Auflage der Quellen­kunde von Dahlmann-Waitz verwiesen, welche ja Jedem, der sich in die deutsche Geschichte vertiefen will, unentbehrlich ist. Als Beispiel der Behandlung greifen wir gleich den H 1 der Urzeit heraus. Er ist überschriebendie Jndo- germanen" und umfaßt drei Seiten. Dazu treten lU/2 Seiten Anmerkungen, deren Titel lauten: Die NamenGermanen" undDeutsche"; die Germanen als Glied der indogermanischen Völkerfamile; die Heimath der Jndogermanen, (welche mit Schröder an die Wolga versetzt wird); Wirthschaftsleben Metallkenntniß, Kleidung, Waffen, Wohnung u. s. w. Die einzelnen Perioden sind von Gebhardt, Bethge, W. Schultze, Hahn, Köhler, Großmann, Liebe, Ellinger, Erler, Winter, Hirsch und Kleinschmidt behandelt.