Heft 
(1892) 71
Seite
473
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Literarische Notizen.

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Der Gemüthsausdruck des Anti­nous. Ein Jahrhundert angewandter Psy­chologie auf dem Gebiete der antiken Plastik. Von Ferdinand Laban. Berlin, Spemann- 1891.

Die antiken Bildhauer waren nicht Rea­listen in unserem Sinne; das ist bekannt. Glieder wie sie der Hercules Farnese streckt, wandeln nicht über die Erde, und mit dem Haupt des Jupiter von Otricoli oder des praxitelischen Hermes können unsere Anatomen und Psychiater sich gar nicht befreunden. Natürlich schattet sich auch der Gemüthsausdruck in dieser steinernen Bilderwelt anders ab als in der leibhaften vor uns. Es gab da bestimmte Ueberlieferungen: das Publicum verstand den Künstler sofort. Dieser Zusammenhang zwischen Werk und Be­schauer ist durch fast zwei Jahrtausende zer­rissen; nun stehen wir und suchen die Seele etwa des Antinous aus seinen Porträts zu enträthseln, und jeder Beschauer legt etwas anderes in den Marmor hinein. Vielleicht jeder Stimmungen seiner eigenen Zeit. Laban sucht das wahrscheinlich zu machen, indem er die Archäologen etc. gegen einandertreten läßt. Vor hundert Jahren galt der Gesichtsausdruck des Antinous für schwärmerisch und lieblich, später, in der Periode des Weltschmerzes, für verdüstert; neuerdings lesen manche Forscher Wildheit, ja Grausamkeit aus diesen schönen Zügen. Das hat uns der Verfasser anmuthig zusammengestellt; seine Zwischenbemerkungen zeigen soviel Fein­heit und Sachkenntniß, daß wir es fast vermissen, wenn er seine persönliche Meinung zurückhält. Er handelt darin beinahe zu vorsichtig. Wir sind im Psychologischen denn doch seit hundert Jahren weiter gekommen und haben mehr Kunst­werke kennen gelernt. So gewinnen wir am Ende ein Recht, ohne die sonst gebräuchliche allgemeine Phrase über das süße und tückische Gesicht dieser zerbrochenen Tigerkatzennatur zu sprechen.

txerinniü Lapsl. Lbsai 8nr l'lüstoiro 468 I'anorama8 ot äk8 I)iorama8. kari8 1891.

Die vorliegende Studie ist nur ein Heft von dreißig Seiten und ursprünglich für die Berichte der Jury bei der Pariser Weltaus­stellung von 1889 abgefaßt. Bapst hat sich aber sicher unfern Dank dadurch verdient, daß er diesen Rapport einzeln herausgegeben. Er schildert in flottem Gange die Entwicklung der Panoramen­malerei, die noch kein Jahrhundert alt ist. Der eigentliche Erfinder, der Maler Barker in Edin­burgh, soll einem Zufall der Einkerkerung in einem runden von oben beleuchteten Schuld­thurm die nöthigen optischen Wahrnehmungen verdankt haben, auf die hin er 1792 sein erstes Panorama auf dem Leicester Square in London erbaute. Die wesentlichen Punkte, auf denen die Illusion beruht, waren hier schon gefunden: Der Beschauer hat in einem dunklen Raume zu stehen; er muß bereits auf dem dunklen Wege zu demselben hin den Maßstab für die natürliche Lichtwirkung aus dem Auge verloren haben; das Bild selbst darf ihm keinerlei Ab­schluß zeigen, der zum Vergleichsmoment dienen könnte; das einfallende Licht muß so vollkommen

zerstreut sein, daß dem Auge die Berechnung der wirklichen Distanzen unmöglich wird. Nun­mehr ist der Beschauer reif, das Bild als Illu­sion auf sich wirken zu lassen.

Die Bemalung einer so großen Fläche bleibt immerhin schwierig genug: die gespannte Lein­wand hängt sich als Curve durch; jede Linie, die als gerade erscheinen soll, muß mit genauester Kenntniß der Perspective auf diese doppelt ge­bogene Fläche construirt sein. Die ersten eng­lischen Panoramen erzielten einen großen Erfolg und wanderten alsbald auf den Continent; 1800 sind sie schon in Berlin und Paris; in Bapst's Buch finden wir hauptsächlich die Ent­wicklung in Paris. Hier, am Boulevard Mont­martre, erinnert die bekannte Ug,88UA6 cl68 puno- rumg.8 noch an die Stelle der Triumphe; Napo­leons Siege wurden dem Volke vorgeführt. Provost ist bis 1820 der eigentliche Künstler.

Die Dioramen läßt Bapst erst 1823 vurch Daguerre, den später durch seine Lichtbilder so berühmten Künstler, erfinden. Dagegen ist zu bemerken, daß bereits 18081814 hier in Berlin Schinkel seine Bilder für Gropius' Diorama gemalt hat, jenes dem alten Berliner wohlbe­kannte Gebäude in der Georgenstraße, das nach manchen trüben Erlebnissen noch die Ehre hatte, dem Kunstgewerbe-Museum und dem Victoria- Lyceum als Wiege zu dienen, bis es zur Stätte des Malmschen Walfisches herabsank, und schließlich der Stadtbahn zum Opfer siel. Die Dioramen übertrugen das Princip der die Illusion hervorrufenden Beleuchtung und Ab­blendung auf die Fläche; man bemalte die Lein­wand von vorne mit leichten durchsichtigen Farben, von hinten mit schwarzen Tönen und konnte nun durch Wechsel der Beleuchtung zu­nächst von vorne, dann transparent, die merk­würdigsten Lichtssfecte Hervorbringen. Die Täuschungen für den plastischen Vordergrund, welche uns jetzt unerläßlich erscheinen, sind erst nach 1830 aufgekommen und erst nach 1860 ver­vollkommnet. Das Buch enthält eine Reihe von interessanten Abbildungen älterer Malereien, außerdem für die Panoramen der neuesten Zeit höchst reizvolle, bisher nicht veröffentlichte Studienblätter des Schlachtenmalers Detaille. Von den zahlreichen Panoramen des letzten Jahrzehntes finden nur die französischen Arbeiten Berücksichtigung, vornehmlich die der Ausstellung von 1889, wie dies bei der Entstehung des Buches erklärlich ist.

^ Deutsche Volks- und Kulturgeschichte.

Von I)r. Karl Biedermann, ordentlichem

Honorarprofessor an der Universität Leipzig.

Zweite Auflage. Wiesbaden, Bergmann. 1891.

Der als Historiker und Publicist rühmlichst bekannte Professor L>r. Karl Biedermann hat es vor sechs Jahren (1886) unternommen, ein kurzes Handbuch der deutschen Geschichte abzu­fassen, in welchem von Krieg und Kriegsgefahren nicht mehr als unumgänglich nöthig die Rede sein und der Hauptnachdruck auf die Kultur- thaten des deutschen Volkes gelegt werden sollte. Ein zweiter Hauptgesichtspunkt war, eine solche Gruppirung des Stoffes vorzunehmen, daß der innere Zusammenhang der Geschichte so deutlich