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Deutsche Rundschau.
selbst entwickelte, bestimmte Schleiden, in die Dienste dieser Regierung zu treten. In solcher Eile, daß er von Freunden Wäsche und Ueberzieher entlehnen mußte, reiste er nach Hannover und Frankfurt, um daselbst die Errichtung der Regierung anzuzeigen und unter Anderem für die Aufnahme Schleswigs in den deutschen Bund zu wirken. Aus diesem Anlaß nahm Schleiden auch an den Berathungen des Vorparlaments und an dem von diesem niedergesetzten Fünfziger-Ausschuß Theil. Dann aber machte er auch die Bekanntschaft Mathy^s, mit dem er nach Berlin reiste, um sür die Besetzung Schleswigs zu wirken, und der ihm nach einem Besuch in Rendsburg, wo beide mit großer Begeisterung empfangen wurden, im Eisenbahnwagen um den Hals fiel: „Ich kann Dich nicht länger Sie nennen; wir müssen uns duzen. Das war ein unvergeßlich schöner Tag!" Am 16. Mai wurde Schleiden zum Bevollmächtigten der vorläufigen Regierung in Berlin ernannt, als welcher er unter sehr schwierigen und unerquicklichen Verhältnissen seine Pflicht treu und redlich erfüllt hat. Das Bitterste, was er damals durchzumachen hatte, war der berüchtigte Waffenstillstand von Malmö vom 26. August 1848, durch welchen Deutschland, Preußen und die Herzogthümer aufs Tiefste gedemüthigt wurden, und in Bezug auf welchen Dahlmanrcks prophetisches Wort in Erfüllung ging: „Man wird niemals das ehemals stolze Haupt wieder erheben, wenn man sich schon beim ersten Anblick der Gefahr kleinmüthig unterwirft." Seit dem 3. Januar 1849 gehörte Schleiden der vorläufigen Regierung in Schleswig an, in welcher er neben dem Departementschef v. Harbou an der Leitung der auswärtigen, inneren, geistlichen und Unterrichtsangelegenheiten betheiligt war. Dieser Stellung hatte er es zu verdanken, daß er — nach der Bestellung der Statthalterschaft Beseler^s, Reventlorcks und Olshaufen's und nach dem Wiederausbruch der Feindseligkeiten — am 5. April 1849 in Eckernförde sein und Zeuge des herrlichen Sieges unserer Batterien über die dänischen Kriegsschiffe Christian VIII. und Gefion werden konnte, wobei er übrigens selbst wiederholt in das Feuer der Feinde und damit in harte Lebensgefahr gerieth. Mit diesem Tage des Ruhmes schließt — hoffentlich nur sür diesmal — die Erzählung ab.
Die Darstellung Schleidens ist überall klar, weder zu breit noch zu knapp, sachlich gehalten und bei aller vorwaltenden Nüchternheit doch an manchen Stellen nicht ohne Schwung und tiefe Empfindung. Es gilt dies namentlich von den beiden so sehr gegensätzlichen Ereignissen, vom Malmöer Stillstände und vom Siege von Eckernförde; die herbe Schmach des ersteren, bei welchem Preußen sich mehrfach hinter seine anfänglichen eigenen Forderungen zurückdrängen ließ, und die erfrischende Wirkung des zweiten, welcher unmittelbar auf die Ablehnung der Kaiserkrone durch Friedrich Wilhelm IV. folgte, treten plastisch hervor, und in der gedrängten Schilderung ist Raum genug für die Würdigung der ausschließlichen Helden des Tages, Hauptmann Jungmann und Unterofficier v. Preußer, sowie für ein Wort des Mitgefühls für den dreiundsiebzigjährigen dänischen Befehlshaber Paludan, dem stille Thränen über die Wangen liefen, als er dem Herzog Ernst II. von Coburg seinen Säbel überreichte. Da Schleiden in hervorragender Stellung an den Ereignissen theilgenommen hat, so war er in der Lage, das Bild dieser Ereignisse und vieler hervorragender Personen aus dem Vollen zu entwerfen; sein Buch liefert deshalb zu vielen anderen gelegentliche Berichtigungen, so zu G. Freytag's Werk über Mathy, zu Heinrich v. Sybells Begründung des Deutschen Reichs, zu den Denkwürdigkeiten Herzog Ernstes. Wenn Schleiden sich namentlich nicht ohne Schärfe gegen dessen Schilderung des Eckernförder Tages wendet, von der wir im Juli-Heft 1888 der „Deutschen Rundschau" unseren Lesern Kenntniß gegeben haben, so hält ihn das nicht ab, die warme Theilnahme, welche Herzog Ernst stets der Sache Schleswig-Holsteins bewiesen habe, mit aufrichtigem Danke anzuerkennen.
G. Egelhaaf.