Literarische Rundschau.
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recht gleichgültig gegenüber; später kämpste er entschieden — zwar nicht gegen die Institution an sich — wohl aber gegen die bei der Demokratie darüber verbreiteten Anschauungen, gegen die überschwenglichen Hoffnungen, welche sich daran knüpften, gegen die Meinung, man habe in ihm die Panacäe sür alle politischen und socialen Uebel; in seiner letzten Lebensperiode endlich suchte Proudhon etwas objectiver die Bedeutung des allgemeinen Stimmrechts sür den Fortschritt von Staat und Gesellschaft zu ergründen. Hier kommt er zum Schluß, daß das allgemeine Stimmrecht der Gegenwart die Souveränetät des Einzelwillens proclamirt und damit die Gesellschaft atomisirt. Ihre natürliche sociale Gruppirung wird zu Staub zermalmt, und so ein Chaos geschaffen, über dessen Direction nur die nackte Zahl, die Majorität, niemals der Gedanke entscheidet. Das allgemeine Wahlrecht ist deshalb dahin zu resormiren, daß es eine Vertretung der Gesellschaft in ihrer b erufsm äßig en Gruppirung schafft. „Jeder Deputirte ist vor Allem der Mann des Ortes, der ihn zu seinem Vertreter gewählt hat, sein Ausfluß, sein Beauftragter mit der speciellen Ausgabe, seine besonderen Interessen zu vertheidigen, unter dem Vorbehalte, sie am besten mit dem allgemeinen Interesse in Einklang zu bringen." Diese Ansicht hängt eng mit Proudhows Theorie des Föderalismus zusammen, und auch ihr Connex mit den Ideen, die zum Pariser Communeausstande von 1871 geführt haben, ist nicht zu verkennen. — Sonst enthalten die „Studien" noch ein Project Proudhows über die Centralisirung des Handels, eine Skizze seines nachgelassenen Werkes über „Cäsarismus und Christianismus" und ausführliche Recensionen der Monographien von Putlitz und Diehl über Proudhon. Gegen Dicht ist Mülberger offenbar ungerecht. Ein unbedingter Verehrer Proudhon's, tritt er an das — nicht ohne Berechtigung etwas skeptisch gehaltene — Werk Diehlls mit Vorurtheilen heran; die Bewunderung, die er sür seinen Helden hegt, macht ihn blind gegen die großen Vorzüge, die den Kritiker Proudhon's auszeichnen, und läßt ihn wegen einiger Schwächen in Diehlls Analyse der Proudhonffchen Theorien zu einem allgemein abfälligen Verbiet gelangen. Wir können Allen, die sich über den so bedeutenden und eigenartigen französischen Denker unterrichten wollen, nur beide Werke empfehlen, die sich aufs Beste gegenseitig ergänzen.
Georg Adler.
Erinnerungen eines Schleswig-Holsteiners.
Schleswig-Holsteins erste Erhebung 1848—1849. Von Rudolph Schleiden.
Wiesbaden, I. F. Bergmann.
Der dritte Band der „Erinnerungen eines Schleswig-Holsteiners" liegt vor uns, und schon sein Titel läßt es errathen, daß er von allen dreien das größte Interesse darbietet. Im ersten trat uns eine Art von Stillleben vor dem Unwetter entgegen; im zweiten flatterten die Vögel vor uns aus, die das Herannahen des Sturmes verkündeten ; im dritten finden wir uns inmitten des Sturmes selbst, welcher durch den am 20. Januar 1848 erfolgten Regierungsantritt Friedrich's VII. und die Bildung des eiderdänischen Ministeriums zu Kopenhagen im März herausbeschworen worden war. Am Morgen des 26. März landete Schleiden, der wie die anderen der Sache der Herzogtümer und des Rechts getreuen Deutschen dem neuen Regiment nicht mehr dienen mochte, in Kiel: die erste Nachricht, welche er hier empfing, war die von der Bildung einer vorläufigen Regierung unter dem Vorsitz Georg Beseler^s, durch welche nicht die Sache von Ausruhr und Empörung gegen den immer noch rechtmäßigen Landesherrn, sondern die berechtigte Forderung vertreten ward, daß die Herzogtümer bei ihrem alten verbrieften Recht gelassen werden sollten. Die Loyalität, mit welcher die Regierung diesen Standpunkt in einer untertänigsten Adresse an den König-Herzog