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Deutsche Rundschau.
auf moderne Zeiten übergehend, citirt Lord Acton Aussprüche, die vom Cardinal von Retz bis zu Mr. Morley, von Bacon bis zu I. B. Sah und Lord Grey der Doctrin huldigen, daß die Gesetze der persönlichen Moral auf die Regierung der Menschen und auf die Leitung der Staaten nicht anwendbar sind. Ranke und Sybel, Stahr und Baumgarten, Renan und Samte - Beuve, Gewinns und Fichte dachten und denken nicht anders als Richelieu oder Napoleon von der Nothwendigkeit des Erfolges als des Prüfsteins politischen Werthes. Der Theologe Hase schreibt unbedenklich: „Der Einzelne wird nach der Größe seiner Ziele, nach den Wirkungen seiner Thaten für das Wohl der Völker gemessen, aber nicht nach dem Maße der Moral und des Rechts." Und Rümelin: „Die Erhaltung des Staates rechtfertigt jedes Opfer und steht über jedem Gebot." Als Italien und Deutschland in die Bewegung eintraten, die ihnen die nationale Existenz und ihre Bedeutung in der Geschichte Zurückgaben, befolgten sie die Vorschrift des Florentiners, daß ein Volk, vor die Wahl gestellt, von welcher Sein oder Nichtsein abhängt, die Einheit höher als die Freiheit zu achten habe. Das Wort von Gewinns, „er errieth den Geist der neueren Geschichte", leitet für Macchia- velli die Zeit ein, wo er nicht nur Vertheidiger und Bewunderer, sondern Zustimmung fand. In den Augen von Klein enthalt das so lange verkannte Buch „die reforma- torische Absicht eines Sittenspiegels", und Chowanetz lobt dieselbe „als vortrefflich für alle Zeiten". Hartwig schließt feine geistreiche Analyse mit dem Satz, daß die Welt, wie Macchiavelli sie gesehen, die Welt ohne Gewissen, diejenige sei, von welcher allein die Geschichte weiß. Gaspary stellt ihm das Zeugniß aus, daß er Unrecht haßte, aber „keine Moral, wie keine Religion, über dem Staate, sondern nur in demselben erkennt: die Menschen sind von Natur schlecht, die Gesetze machen sie gut. — Wo es kein Gericht gibt, bei dem man klagen könnte, wie in den Handlungen der Fürsten, betrachte man immer das Ende". Die Italiener, nachdem sie versucht hatten, das politische Problem auf ethischer Grundlage zu lösen und bestehende Rechtszustände zu achten, sind zum gewaltigen Patrioten zurückgekehrt, der keine solchen Bedenken kannte. Mit Recht beansprucht Mr. Burd als nothwendigen Schluß des „Urineips" jenes sechsundzwanzigste Capitel, vor welchem auch der Gegner die Waffen streckt, und worin der Genius des Vaterlandes, von Schlacken gereinigt und durch todesmuthige Aufopferung verklärt, den Befreier grüßt, der da kommen wird, „eon gueU' animo e eou gueUa, sxeranöa olle si xigliano 1e imxrsss Ziu8t6."
Studien über Proudhon.
Studien über Proudhon. EinBeitrag zum Verständniß der socialen Reform.
Von Arthur Mülberger. Stuttgart, G- I. Göschen. 1891.
Proudhon ist eine der interessantesten Persönlichkeiten der socialen Bewegung: als genialer Vertreter des wissenschaftlichen Socialismus, als origineller Kopf, als ideenreicher Publicist, als eminent formgewandter Schriftsteller. Und doch ist gerade er in der wissenschaftlichen Literatur bisher nur wenig gewürdigt worden, zumal wenn man die reiche, von Jahr zu Jahr anschwellende Literatur über Rodbertus, Marx und Lassalle vergleicht. Daher ist es mit Freuden zu begrüßen, daß vr. Arthur Mülberger, längst bekannt als ausgezeichneter Kenner des Proudhonismus, einige bisher wenig beachtete Seiten dieser eigenartigen Doctrin in ein helleres Licht rückt. Die umfassendste — bereits in den „Annalen des Deutschen Reiches" veröffentlichte — Studie behandelt Proudhorlls Theorie des allgemeinen Wahlrechts und gibt in fesselnder Form eine mustergültige Darstellung der Entwicklung der Proudhow- schen Ansichten. Danach stand Proudhon ursprünglich dem allgemeinen Stimm-