Literarische Rundschau.
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Ziehungen zu Fra Girolamo Savonarola: das sind die reichen Früchte langer, fleißiger Untersuchungen des gelehrten Engländers, der keine Mühe scheute, um seinem Werk die möglichste Vollendung zu geben.
Die Resultate, zu welchen er gelangt, oder die er in den meisten Fällen als die seinigen adoptirt, sind im Wesentlichen die folgenden. Der „krineips" ist nicht getrennt von Macchiavelli's sonstigen Werken, sondern im engen Zusammenhang mit denselben zu beurtheilen; daß man anders versuhr, und lange Zeit, durch die klare Kürze und literarische Vollendung des Meisterwerks bestochen, dieses allein als den Ausdruck der Gedanken des slorentinischen Politikers hinstellte, hat mehr als alles Andere zur Verwirrung der Begriffe über ihn geführt. Auch war es ein erschwerender Umstand, daß die Verhältnisse sich bereits verändert hatten, als das Buch, welches 1513 geschrieben worden war, 1532 und nach dem Tode des Verfassers erschien. Aus eine ganz besondere Sachlage berechnet, für Italiener, aber nicht für alle, sondern zunächst nur für Toskaner geschrieben, sind seine Lehren als Handbuch politischer Kunst, als Freibrief für alle Treulosigkeiten bei Behandlung öffentlicher Angelegenheiten gedeutet worden, und seine epigrammatischen Sentenzen erhielten den Werth allgemeiner Vorschriften, unter welchen sich die Unkenntniß des Schriftstellers barg, den man so bequem citiren konnte, ohne ihn gelesen zu haben.
Der Mann, dem man so viele Motive unterschob, hatte thatsächlich nur eines. In den Tagen, da jede sittliche Anschauung, jedes Rechtsgesühl überwunden waren, Bürger eines Landes, das Tyrannen knechteten, Parteien zerfleischten, Fremde unterjochten oder betrogen, Mitglied eines Pontifikates, dessen Sünden selbst die Welt der Renaissance mit unheimlichem Erstaunen erfüllten, schrieb Macchiavelli keine Satire und glaubte an keine Reform. Er beschloß, nach einem berühmten Wort, „der Zeit Gift zu reichen, als einzige Arznei, die sie vertragen konnte," und suchte einen Tyrannen, stärker, gewandter, schlauer als die andern, einen Medicäer, gefühllos und gewissenlos wie Caesar Borgia, aber glücklicher als er. Denn dieser Borgia in den Tagen seiner Jugend, schön, furchtbar und schlecht, ist das Idealbild, nicht etwa nur des berühmten Capitels VII, sondern des ganzen Buchs, die Personificirung des Staates, wie Macchiavelli ihn ausfaßt, als Versuchsfeld starker Individualitäten, als die Beute des Genies. So verliebt ist er in diese Gestalt des typischen Tyrannen, des Repräsentanten der mustergültigen Despotie, daß er in den Jrrthum aller Idealisten verfällt und von der so gering von ihm geschätzten menschlichen Natur ein Maß der Korruption verlangt, das sie zu leisten nicht im Stande ist. Der „krineixe nuovo" von Macchiavelli, dem er dienen wollte und den er träumte, ist ebenso wenig gefunden worden als der „kaxa angelieo" des Mittelalters, und auch er ist enttäuscht gestorben!
Die Frage, ob er auch vom modernen Bewußtsein überwunden sei, ist aufs Bündigste in der merkwürdigen Einleitung verneint, die Lord Acton dem Werk von Burd vorausschickt. „Macchiavelli," schreibt dieser unvergleichliche Kenner, „repräsentirt mehr als den Geist seines Landes und seiner Zeit. Wissen, Kultur und Moralität haben zugenommen, aber drei Jahrhunderte bezeugen dauernd seine politische Wahrhaftigkeit." Venedig that ungezwungen, was er im Nothfall empfahl, und gebrauchte den Dolch gedungener Mörder. Als die mediceische Tradition zu französischer Staatskunst sich emporschwang und die Guise gemordet wurden, sprach der Venezianer Francesco da Molino die Hoffnung aus, der Rath der Zehn werde das Beispiel beherzigen, und der venetianische Theologe Sarpi lehnte die Verantwortung für die Ansicht nicht ab, es sei gestattet, sich gewisser Verbrecher geheim und durch Gift zu entledigen. Ein mediceischer Papst, Clemens, welcher meinte, vg, bonainentö visu trata da
bestiaZ ließ den „krineixs" in Rom drucken; das Trienter Concil setzte ihn auf den Index, und der französische Heinrich III. trug ihn in der Tasche. Melanchthon ließ sich, als er von Cromwell's Ende hörte, zur Aeußerung Hinreißen, es sei ein gutes Werk, Tyrannen zu tödten, und 1575 hielten die schwedischen Bischöfe es für nicht minder gerechtfertigt, ihrem König vergiftete Suppe zu reichen. Von der Bartholomäusnacht und ihren Apologeten, von den Illustrationen der englischen Revolutionsepoche