Heft 
(1878) 22
Seite
351
Einzelbild herunterladen

351

Kniehase, der die strengkirchliche Richtung des Conrectors kannte, horchte auf; Othegraven selbst aber fuhr fort:Es ist ein königliches Land, dieses Preußen, und königlich, so Gott will, soll'es bleiben. Es haben es große Fürsten aufgebaut, und der Treue der Fürsten hat die Treue des Volkes entsprochen. Ein Volk folgt immer, wo zu folgen ist; es hat dem unseren an freudigem Gehorsam nie gefehlt. Aber es ist fluchwürdig, den todten Gehorsam zu eines Volkes höchster Tugend stempeln zu wollen. Unser Höchstes ist Freiheit und Liebe."

Berndt war im Zimmer auf- und abgeschritten. Er stellte sich vor Othegraven:Ich wußte es. So sind wir einig und ich darf auf Sie rechnen. Dieser Moment, der nicht wieder kommt, darf nicht versäumt werden. Ist man an oberster Stelle verblendet genug, sich der Waffe, die wir schmieden, nicht bedienen zu wollen, nun so führen wir sie selbst."

So führen wir sie selbst," wiederholte Othegraven.Aber der Bruch, den wir fürchten, er wird sich nicht vollziehen. Es kommen andere, bessere Tage. Die Schwäche wird der Ent­schlossenheit weichen, und das sicherste Mittel dahin zu wirken ist, daß wir selber Entschlossenheit zeigen. Es ist, wie ich wohl weiß, ein Mißtrauen da in unsere Kraft, selbst in unseren guten Willen. Zeigen wir dem König, daß wir für ihn ein­stehen, auch wenn wir ihm widersprechen. Auch die Schillschen setzten sich in Widerstreit mit seinem Willen und starben doch unter dem Rufe:es lebe der König". Es gibt eine Treue, die, während sie nicht gehorcht, erst ganz sie selber ist."

Kniehase sah vor sich hin. Er fühlte den Boden, auf dem er stand, erschüttert, aber noch war er nicht besiegt.

Ich habe meinen Eid geschworen," sagte er,um ihn zu halten, nicht um ihn zu brechen oder auszulegen. Die Obrig­keit ist von Gott. Aus der Hand Gottes kommen die Könige, die starken und die schwachen, die guten und die schlechten, und ich muß sie nehmen, wie sie fallen."

Aus der Hand Gottes," rief jetzt Berndt,kommen die Könige, aber auch viel anderes noch. Und gibt es dann einen Widerstreit, das letzte bleibt immer das eigene Herz, eine ehr­liche Meinung und der Muth, dafür zu sterben."

Es ist so, Schulze Kniehase," nahm Othegraven wieder das Wort,und sich entscheiden ist schwerer als ge­horchen. Schwerer und oft auch treuer. Ihr Gutsherr hat Recht. Sehen Sie sich um, das Ganze versagt den Dienst; überall fast ist es der Einzelne, der es wagt. Ein Mann wie Sie, Kniehase, war auch der Hofer, treu wie Gold. Aber als

sein Kaiser Frieden machte, da sagte der Sandwirth:der Franz'l hat's gemußt, ich muß es nicht; ich halt' ihm dies alte Land Tirol." Und als er so sprach und handelte, da brach er seinem Kaiser den Frieden und war schuldig bei Freund und Feind. Er hat es mit dem Tode bezahlt. Aber glauben Sie, Kniehase, daß der Kaiser, wenn er den Namen Hofer hört, au Eidbruch und Untreue denkt? Nein, das Herz schlägt ihm höher, und gesegnet Land und Fürst, wo die Liebe lebendig ist und auf sich selber mehr hört, als auf Amtsblatt und Kommandowort."

Kniehase war jetzt aufgestanden. Er streckte Berndt seine Hand entgegen.Gnädiger Herr, ich glaube, der Conrektor hat es getroffen. Sich entscheiden ist schwerer als gehorchen. Ich habe mich entschieden. Wir machen uns fertig hier herum, und wir schlagen los, ohne nachja" odernein" zu fragen. Denn Fragen macht Verlegenheit. Es darf keiner über die Oder. Und kommt es anders, und soll uns dies fremde Volk auf ewig unter die Füße treten, nun so gebe uns Gott Kraft, zu sterben wie Hofer und die Schillschen gestorben sind."

Das danke ich Ihnen, Othegraven," sagte Berndt,ich allein hätte meinen Schulzen nicht bezwungen. Ich hoffe, wir sehen uns jetzt öfter. Der Plan ist mit Graf Drosselstein durchgesprochen. Ein Netz über das Land. Lebus beginnt; wir sind die Vorhut. Hier zwischen Frankfurt und Küstrin treffen die großen Straßen zusammen. Ich zähle die Stunden, bis es sich entscheidet."

Sie blieben noch eine Weile; dann verabschiedeten sich der Conrektor und Kniehase und schritten die Treppe hinunter, über den Flur. Hektar, unter Zeichen besonderer Freude, als er­den Schulzen sah, begleitete beide Männer über den Hof.

Sie nahmen ihren Weg ans den Scharwenkaschen Krug zu, immer noch in lebhaftem Gespräch. Doch schien es andere Fragen als Krieg und Landsturm zu betreffen. Sie trennten sich erst, nachdem sie die Front des Krügergehöftes wohl ein Dutzend Mal ausgemessen hatten.

Als des Conrectors kleines Fuhrwerk wieder auf der Frankfurter Straße südlich trabte, saß Schulze Kniehase bei seiner Frau. Sie plauderten lange, und wiewohl Frau Knie­hase Verschwiegenheit gelobte, war doch vor Ablauf eines Tages alles Geplauderte in Hohen-Vietz herum.

Nur eine wußte nichts davon: sie, die der Gegenstand dieses Plauderns gewesen war.

(Fortsetzung folgt.)

Mrfönliche Erinnerungen aus den Zähren 18481850.

(Schluß.)

Nachdruck verboten. Ges. v. 11./VI. 70.

Gleich Herrn von Radowitz beschloß auch Herr von Bodelschwingh zu Erfurt seine öffentliche Politische Lauf­bahn. Ein alter Kämpfer der Freiheitskriege und dort durch die Lunge geschossen welche Verwundung sich wieder­holt in Entzündungen fühlbar machte, war dieser persön­lich der zuverlässigste und anspruchsloseste Mann; letzteres in ungewöhnlichem Maße, wie folgende Anekdote beweist, die sich auf einer Reise des Königs Friedrich Wilhelm IV in der Provinz Preußen ereignete. Hier erschien Herr von Bodelschwingh, der sich in der Begleitung befand, in so an­spruchsloser Toilette, daß der Landrath des Kreises, wo die Pferde gewechselt wurden, ihn bei seinem Versuche, sich dem Wagen des Königs zu nähern, wiederholt als einen unbefugten Aufdringling in ziemlich barscher Weise zurückwies, was Herr vou Bodelschwingh schweigend hinnahm. Als der Landrath dem­nächst auf seine Anfrage, wer dieser Mensch denn eigentlich sei, den wahren Sachverhalt erfuhr, war er natürlich zum Tode erschrocken, durfte sich indes bald beruhigen, da die Sache dem Könige selbst ein außerordentliches Vergnügen bereitete.

Daß Herr von Bodelschwingh durch die preußische März­bewegung und durch diedeutsche Begeisterung" in eine be­sonders sympathische Stimmung versetzt worden sei, möchte ich kaum glauben. Minister nach dem alten preußischen Schlage, nahm er zwar dem König selbst gegenüber kein Blatt vor den Mund, kannte aber, sobald die königliche Entscheidung gefällt

war, nichts als den Gehorsam des treuen Dieners. Wer das Glück gehabt hat, ihm näher zu treten, wird in ihm noch heute das Musterbild des vormärzlichen Ministers verehren. Seine letzte namhafte Rede in Erfurt schloß in sehr bezeichnender Weise mit den Worten:Vertrauen wir dem Wort: Jst's Gottes Werk, so wird's bestehen; ist's Menschen Werk, wird's untergehen l"

Von einem anderen Schlage war der Präsident Simson, der sein Geschäft des Präsidirens als Künstler betrieb und förmlich studirt hatte, was sich selbst in seinem Glockenspiel äußerte. Kenntnißreich, von ruhiger würdevoller Haltung, war es ihm schon in Frankfurt gelungen, der Nachfolger Gagerns auf dem Präsidentenstuhl zu werden, und wenngleich ihm das Geschäft alsKaisermacher" nicht besonders gelungen war und der abschlägliche Bescheid in Berlin den ersten Blütenstaub vou seinen parlamentarischen Flügeln abgestreift hatte, so war doch seine deutsche Begeisterung, wenn auch von einem gewissen melancholischen Schatten angehaucht, im ganzen unverändert geblieben. Der Gabe der Rede in hohem Maße theilhaftig, besaß er ein nicht gewöhnliches Geschick, zur rechten Zeit und am rechten Orte mit den geeigneten Schlagworten einzusetzen, und dadurch einen gewissen staatsmännischen Nimbus um sich zu verbreiten, den er selbst später mit unbedachter Hand zer­störte, als er in der Hitze des Momentes die deutsche Politik des Fürsten Bismarck als einSeiltänzerkunststück" bezeichnet^