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Melier Lan
„Zwischen zwei scharfen Zacken, die sich schwarz und drohend von dem dunkelblaugrauen Nachthimmel abhebeu, schimmert ein fahles, rotgelbes Licht. Ist es ein riesenhafter Gespeustertoteugräber, dessen Laterne das ungeheure Grab durchspäht — nach etwas Lebendem?
„Ich trinke von meinem Cognac und schreite erfrischt weit aus. Meine Nagelschuhe Hallen auf dem Felsboden, das taktmäßige, knirschende Dröhnen findet irgendwo ein dumpfes Echo — tack-tack, tack-tack.
„Nach einer Viertelstunde bleibe ich wieder stehen und lehne mich an die Felswand. Das Thalgrab macht mir einen trostlosen, öden Eindruck. Ich fühle mich plötzlich so scheußlich einsam — auf Stunden wohl kaum eine Meuschenseele.
„Ich blicke in das tote, schwarze Thal mit den drohenden Föhrenbataillonei:: der fahle Lichtschein mit den beiden Schreckhörnern ist mehr und mehr verblaßt, und nicht der leiseste Laut regt sich. Mir kommt es vor, als wäre das bisher nicht so beängstigend gewesen, und ich erinnere mich, daß irgendwo ein kleines Bächlein gerauscht hat, dessen gleichmäßiges Plätschern mich beruhigte. Es ist verstummt.
„Ich denke unwillkürlich heim. Da sitzen sie alle im kleinen Gartenfaal unter der großen, ruhigen Hängeampel, Vater liest seine Zeitung, Mutter und Schwestern neigen sich über ihre Handarbeit. Meine Gedanken vertiefen sich über dies friedliche Bild Heller Wärme — viellleicht hebt jetzt Ella den blonden Kopf und regt die Frage an: ,Wo jetzt wohl Hans ist?' Und man rät irgend ein großes Hotel und malt eine kleine, amüsante Tnble d'hote-Scene aus.
„Und eine brennende, wahnsinnige Traurigkeit überkommt mich. Ich stehe und starre auf den fahlen, matten, gelblichen Schein — die Totengräberlaterne — noch das Freundlichste in der starren, schwarzen Einsamkeit des Felsenthales . . .
„Weiter! Ich unterscheide den schmalen Pfad nur etwa zwanzig Schritt weit, dann scheint er sich an der schwindelnd hohen Granitmauer zu verlieren. Ich nehme noch einen Schluck Cognac — es kostet mich wirklich Ueberwindung, den gleichmäßigen Wandertrott wieder anzuschlagen.
„Eine halbe, eine ganze Stunde verrinnt, ich marschiere gleichmäßig dahin, hie und da blicke ich hinab in das Thal, das noch enger zu werden scheint . . . Ich taxiere noch zwei Stunden bis Grindelwald.
„Der Pfad senkt sich plötzlich und führt in den Thalgrund hinab. Bisher hatte ich eine überlegene .Höhe eingenommen — jetzt geht es zwischen den Föhren und großen Felsblöcken dahin, ziemlich steil bergab.
„Der Weg ist allmählich sehr schlecht geworden, nur noch ein chaotisches Neben- und Uebereinander von Steinen verschiedenster Größe und Form — es ist einfach ein altes Bachbett, in dem ich dahinstolpere.
„Allmählich bilden die Föhren dickere Trupps, dann kommt wieder eine minutenlange Lichtung, diese werden aber immer seltener, und von einer höheren Stelle aus sehe ich, daß der ganze Boden des Thales nunmehr von dem schwarzen Nadelwald ansgefüllt ist. Das muß der Grindelwald sein, wo in der letzten Nacht, wie man mir erzählt hatte, ein Tourist überfallen worden ist. Das läßt mich natürlich kalt — ich schreite ruhig weiter — habe allerdings den intensiven Wunsch, möglichst bald aus diesem verwunschenen schwarzen Wald hinauszukommen.
„Zn beiden Seiten des Weges recken sich jetzt steile Böschungen empor, auf diesen, undurchdringlich ineinander gewachsen, die Tannen des Grindelwaldes. Das wird wohl die Stelle gewesen sein, um man den Touristen überfallen hat! Es braucht nur von der Höhe des Hohlweges ein großer Stein hinabgerollt zu werden, um den über das schmale Steinchaos stolpernden Wanderer wehrlos zu machen.
„Ich male mir den Vorgang aus. Zwei oder drei Männer überfallen den Mann — wer hört seinen Hilferuf? Und die schwarzen Tannen verraten nichts. . .
und Weer.
„Also schnell hindurch! Etwa zehn Schritt vor mir hört der Hohlweg auf, und ich beschleunige meinen Schritt.
„Da höre ich ein lautes Knacken in den Gebüschen über mir, und — hol's der Satan! — ich fing an zu laufen! Natürlich machte ich nur ein paar Sätze, dann blieb ich stehen und sagte mir, es sei doch kaum anzunehmen, daß jenes Knacken von beutegierigen Räubern herrühre, die, wenn sie wirklich vorhanden wären, jetzt sicher schon ihr Werk begonnen hätten. Ich schalt mich, daß die Geschichte von jenem Ueberfall mich derart beeinflussen konnte, und sagte mir, daß meine Nerven durch die großen Strapazen des Tages überreizt seien, daß irgend ein harmloses Waldtier da oben promeniere, aber während ich nur diese sehr vernünftige Rede hielt, ertappte ich mich doch, daß mein Auge mit heimlicher Sehnsucht das Ende des fatalen Hohlwegs fixierte.
„Ich beschloß also, an meinen rebellischen Nerven ein Exempel zu statuieren. Ich würde doch wohl noch meinen Willen durchsetzen können!
„Also legte ich den langen Alpstock auf den Boden und kletterte die Böschung des Hohlwegs hinauf. Natürlich war nichts zu bemerken — aber wie ich wieder unten anlange, überschleicht mich aufs neue das fatale Gefühl. Ich bezwinge mich, setze mich auf einen Stein, ernstlich beunruhigt ob der Unbotmäßigkeit meiner Nerven! Ich sagte mir: du willst jetzt also nach Afrika gehen, eine Stellung einnehmen, wo von deiner Entschlossenheit und Kaltblütigkeit nicht nur oft dein und deiner Gefährten Leben, sondern auch Interessen des Vaterlandes abhängen — und du kannst nicht mal bei Nacht allein durch einen kleinen Wald gehen! Pfui, schäme dich!
„Ich glaube, ich schämte mich wirklich, überwand auch standhaft die Versuchung, von meinem Cognac zu trinken, dann ging ich ganz langsam weiter, aber ich war doch heilfroh, als ich definitiv aus dein Hohlweg herauskam."
„Die Nerven, natürlich die Nerven," meinte der Stresower kopfnickend.
„Ja, natürlich, die Nerven! Aber ich finde — ja, man darf eben als preußischer Offizier keine Nerven habe!:, und diese Stunden waren mir sehr, sehr unangenehm.
„Imtin — weiter!
„Ja — was ist das? Plötzlich hört der Weg auf, vor mir dicht ineinander gewachsenes Tannengestrüpp — Himmelelement — verlaufen! Thatsüchlich verlaufen!
„Ich versuchte es eine Zeitlang doch noch, den Weg zu finden — umsonst I Ich mar zu aufgeregt, um, was wohl das Vernünftigste gewesen wäre, mich einfach in mein Plaid zu wickeln und da, wo ich gerade war, einzufchlafen. Ich beschloß also, in gerader Richtung weiterzugehen. Das Thal war ja so eng — irgendwo mußte ich doch an die Felsenmauer kommen, und dann war es gut!
„Ich renne also durch den dicht verwachsenen Tann. Die scharfen Zweige zerkratzen mir das Gesicht — ich stolpere über irgend etwas — eii: Waldtier flieht aufgeschreckt, ich haste weiter durch die einfach undurchdringliche Finsternis. Da, ein schwarzes, massiges Etwas! Ein Haus! Ein Blockhaus oder eine Sennhütte!
„Ich beschließe, um Einlaß zu bitten und dazubleiben. Ich klopfe ans Fenster, einmal, zweimal — niemand öffnet.
„Still und tot liegt das Haus da auf einer kleinen Lichtung — es paßt so recht in diese wilde' Umgebung. Nach einigen: Suche,: finde ich die Thür, die von außen mit einen: Pflock zugesteckt ist. Also eine verlassene Sennhütte!
„Einerlei! Ich trete ein und finde nach kurzem Tappen eine Streu. Ohne Licht anzumachen, werfe ich mich darauf nieder und muß wohl, trotz der hochgradigen Aufregung, sofort eingeschlafen sei,:. Wie lange ich schlief, weiß ich nicht. Plötzlich wache ich auf mit dem dumpfei: Gefühl, daß irgend etwas nicht ii: Ordnung ist.