Angst.
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Angst.
Von
Thomas Wehv.
Lieutenant von Rotkirch war von Ostafrika heim- gekehrt, wo er seit dreiviertel Jahren in der Schutztruppe Dienst gethan hatte. Jetzt saß er auf der
Veranda des väterlichen Gutshauses und blickte träumerisch in den dunkeln großen Garten. Die Damen hatten sich zurückgezogen, und die Herren rauchten noch eine gute Zigarre, das Glas Auanasbowle vor sich.
Eine weiche, warme Sommernacht. Vom Dorfe her Hallen die Klänge einer Ziehharmonika, einen schwermütigen polnischen Sang begleitend, den die Schnitter und Tagelöhner in die laue Nacht singen. Hie und da der Aufschrei eines Mädchens oder das fröhliche Lachen eines Burschen.
Auf der Veranda brennen die roten chinesischen Papierlaternen. Die vier Herren sitzen schweigsam. Der Lieutenant hat den ganzen Abend von dem Leben in den Tropen erzählt, von den Kämpfen mit den Schwarzen und, was die Herren besonders interessierte, von seinen Jagderlebnissen. Sie lauschteil ihm andächtig; war doch angesichts der mit- gebrachten Jagdtrophäen kaum eine Aufschneiderei zu be- särchten.
Dicht unter der einen Laterne sitzt der Stresower, der alte Glasenap. Der breite rote Lichtschein wird von der glanzenden Glatze des alten Herrn reflektiert. Er war Anno siebzig Ulanenrittmeister und wurde auf einer Rekognos- cieruug verwundet. Sein grauer Schnurrbart ist bis zu den kleineil grauen Augen aufgezwirbelt. In das rotbraune Leder seines verwetterten Gesichtes sind viele scharfe Falten eiugeschnitten. Trüge er einen kleinen Knebelbart, so gliche er dem weiland gloriosen Czerclas von Tilly, dessen Kostüm ihm auch tadellos stehen würde. So behauptet wenigstens der jüngere Bruder des Lieutenants, Regierungsreferendar, alter Corpsstudent und Lieutenant der Reserve des 7. neumärkischen Dragonerregiments Freiherr von Froben.
Ter Pseudo-Tilly raucht behaglich seine duftige Upman, streift die silberfarbene Zigarrenasche mit dem Renommier- nagel ab und blinzelt mit den scharfen, kleinen Fuchsaugen wohlwollend dem jungen Afrikaner zu. Der sitzt da in seinem hellgrauen Zivil und blickt nachdenklich in die Nacht. Von seinem braunen Gesicht hebt sich scharf der fast weiße Schnurrbart ab. Auf der schlohweißen Stirn, die der Tropenhelm geschützt, zieht sich eine rote dicke Narbe bis in das kurzgeschorene weißblonde Haar hinein.
,Verfluchter Bengel!' resümiert der alte Tilly wohlgefällig seine Betrachtungen. ,Das mit dem ollen Biest von Löwen war wirklich fein! Alle Hochachtung!'
„Sag mal, mein Junge," sagt er dann laut, „hast du denn niemals . . . na . . . so 'n bißchen ... na ... so 'nen kleinen Frost gekriegt — bei den verfluchten Affairen da drüben . . . hol's der Teufel! ... das kann wohl mal passieren . . . Als ich damals vor Beaugency von den Lumpenstrien, den Franktireurs, angefallen wurde, da im Walde... so 'nen Moment lief mir das doch den Buckel runter! Natürlich nur einen Moment — aber es war doch! Na, nun sag mal, Junge! . . . Hand aufs Herz!"
Alles blickte erwartungsvoll den jungen Mann an. Dieser zögerte eine Weile, alsdann begannn er:
„Na ja . . . ich muß offen sagen . . . einmal habe ich — na, sagen wir's nur — Angst gehabt. Und zwar eine so heiße, scheußliche Angst — ich mag nicht gern dran denken!
„Das war voriges Jahr, bevor ich nach Afrika ging.
war doch noch vier Wochen in der Schweiz, und da, so Anfang August, war's.
Ueber Land und Meer. Jll. Okt.-Hefte. XIV. 6.
„Morgens früh weg von Jnterlaken nach Lauterbrunn, von da auf Mürrenalp, wieder 'runter, dann nach Weugern- alp — immer zu Fuß... da mochte es gegen sechs Uhr abends sein.
„Ich hatte mich etwas ausgeruht und konnte mich nicht trennen von dem überwältigenden Anblick der erdrückend nahen Jungfrau. Ich mußte aber allmählich doch aufbrechen, wenn ich an dem Abend noch Grindelwald erreichen wollte.
„Der Weg führt über magere, graue Matten längs der Zahnradbahn Wengernalp-Grindelwald. Nach einer halben Marschstunde fuhr der letzte Zug an mir vorbei. Die Waggons waren erleuchtet, und eine Weile sah ich noch die schimmernde Masse des kurzen, langsam steigenden Zuges — jetzt verschwand er in einem Tunnel — das Klappern und Stampfen der Räder und Kelten wurde immer leiser, leiser
— nun ist's ganz still!
„Ich fröstle etwas und ziehe mein schottisches Plaid fester um mich. Es ist etwa dreiviertel acht — ich muß scharf marschieren. Merkwürdigerweise bin ich gar nicht müde — das muß wohl die Erregung infolge der großen Eindrücke machen!
„Ich schreite durch die immer tiefer sinkende Dämmerung, immer längs der Bahnstrecke, und stehe nun vor dem ,Grand Hotel Kleine Scheidegg'. Ein verspätetes Abendrot glänzt in den Fenstern, zur Rechten ragen in blendender Weiße die kolossalen Massive von Jungfrau und Eiger. Aus dem Vorplatz steht eine Herde von enZlwll ZönUernen, die Hände in den Taschen der karierten Knickerbocker, breitbeinig, die kleine Mütze im Genick. Der Hotelier kommt und fragt, ob mir ein Zimmer gefällig sei, ob ich zu essen, zu trinken wünsche. Ich hatte mir einmal vorgenommen, noch heute nach Grindelwald zu kommen — der Mann bezweifelt die Möglichkeit, doch ihm zum Trotz beharre ich auf meinem Vorsatz.
„Unmittelbar hinter dem Hotel ein steiler Abhang; ich klettere den schmalen, schlechten Weg hinab in das lange, schmale, düstere Thal von Grindelwald.
„Der ,Weg' verdient kaum mehr diese Bezeichnung. Ein vier Fuß breiter Streifen unniittelbar an dem senkrecht aufsteigenden Fels des Eignerriesen, führt er dahin. Ich steige ziemlich bedeutend, mein rechter Arin streift die Mauer der massigen Felsenburg. In senkrechter, unabsehbarer Steilheit ragt sie neben mir empor, Tausende von Fuß — hoch oben ein weißes Flimmern: die vereisten Schneefelder unter den zackigen Gipfelzinnen.
„Ich schreite eilfertig weiter. Die Dunkelheit sinkt immer tiefer — weiß der Himmel, ich fühle mich von diesen ewigen starren Steinhaufen fast bedrückt.
„Links blicke ich hinab in das schmale Thal, ich taxiere die andre, ebenso steil aufragende Wand auf einen Kilometer Entfernung, aber dem Auge scheint sie einem tüchtigen Steinwurf erreichbar. Ich bleibe stehen, und jetzt erst fällt mir auf, daß die Dunkelheit schon sehr weit hereingebrochen ist. Die Felsen mir gegenüber sind eine gleichmäßig schwarze Wand — Schreckhörner heißen sie, und die Bezeichnung scheint mir zutreffend, indem ich die zerrissenen Firstzacken betrachte.
„Inmitten des langgestreckten Thales ein niedriger Kamm, mit schwarzen Föhren besetzt. Kein Windhauch bewegt die schwarzen, spitzen Wipfel der schlanken, gespenstischen Bäume
— wie eine geschlossene Phalanx unheimlicher Riesen stehen sie da, dicht aufmarschiert — mir scheint, daß sie gegen mich Front gemacht haben und auf irgend ein Zeichen eines unbekannten Geistergenerals gegen mich vorrücken könnlen. Das Thal, ein langes, schmales Viereck, macht einen furchtbar ernsten Eindruck. Unwillkürlich muß ich denken, daß ich mich in einem riesigen Grabe befinde, und unwillkürlich
' wünsche ich lebhaft daraus zu entkommen.
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