162
Weber Land und Weer.
hängen lassen wie jetzt, glauben die Leute, Ihre Isolde hat 'nen Kater. Zum Gesang gehört Spiel. Persönliche Gefühle sind zu unterdrücken."
In diesem Moment knisterte die Spatz wieder hinter Mecerinos Sessel vorbei. Sie machte einen Moment Halt und neigte sich über sein zurückgelehntes Haupt.
„Sie können ja heut vom Hagemännchen gar nicht los, Mecerino," neckte sie ihn. „Jaja, wenn man jemand einkäschern will —! Wenn wir nach Rempen gehen, Titeltumtei, wird's gar zu wunder- scheen, Titeltumtei-"
Wups, hatte sie wirklich einen Nasenstüber.
Sie fuhr zurück.
„Weeß Kneppchen," warf sie mir schelmisch zu, „mit Nempen ist's nicht ganz richtig. Dahinter steckt irgend etwas."
„Ist denn Bolle noch nicht da?" warf Mecerino ungeduldig dazwischen.
„Ich werd' Nachsehen gehen. Der soll Wohl auch für Nempen flott gemacht werden?"
Damit entschwand sie.
„Wer arrangiert denn das Konzert?" fragte ich.
Er wurde, wie es schien, verlegen, sah nach der Decke und schlug mit der Kante der Absätze mehrmals aus das Parkett.
„Isidor Cohn."
„Isidor Cohn? — Wer ist das?" fragte ich harmlos.
„Herrgott, was Sie neugierig sind! Nach diesem Cohn hat mir der Sprühteusel schon ein Loch in den Leib gefragt."
„Soll man das nicht wissen?"
„Immerzu. Ein Schulkamerad von mir; er war hier aus der Schule. Bolle kennt ihn auch."
Es war nur gut, daß Bolle ihn auch kannte. Damit war er genügend ansgewiesen.
„So so," murmelte ich zufrieden.
Seltsamerweise fühlte sich Mecerino zu weiterer Auskunft geneigt.
„Er traf mich neulich abends im Simmenauer —"
„Bolle?"
„Nein, der war anderweitig engagiert —"
„Aha, also Cohn."
„Und ries gleich: Willibald! Ist's möglich! Du! Du sollst ja eine Primagröße geworden sein!'"
Ich konnte nicht umhin, über die treffliche Wiedergabe Cohns in Stimme und Mienenspiel zu lachen.
„Nicht wahr, naiv," fuhr Mecerino kühl fort. „Willibald/ sagt er weiter, ,'s wird wirklich Zeit/ — er lispelt nämlich so mit der breiten Zunge, — ,daß du dich mal bei uns in Rempen losläßt.'" ,Bei Ihnen?' sage ich sehr deutlich. Was hat mich der Kerl du zu nennen! ,Ja ja, bei uns in Rempen. Feiner Saal, dreihundert Plätze, Billet zwei Mark, 's lohnt sich.' ,Wollen Sie's arrangieren?' sag' ich nur so als Fopperei. ,Natürlich/ sagt er; ,ihr wohnt in meinem Hotel, du und die andern.' ,Meinen Sie mich?' fragte ich nun sehr deutlich. ,Ja, Sie/ sagte er endlich; ,und die andern. Aber bringen Sie nur was Gescheites von Kollegen
mit, denn für ihr gutes Geld wollen die Leute auch was Gutes hören.'"
„Ihr Freund Cohn will wohl eine Philosophenschule eröffnen?" versetzte ich mit einem Gemisch von Aerger und Spott und lachte dazu.
Er fühlte sich getroffen.
„Fräulein," beschwichtigte er und rückte, — endlich! — ohne sich zu erheben, mit langem Arme einen Stuhl am Vordersuß für mich heran, „was heißt ,Freund!' Freund und Freund ist etwas sehr Verschiedenes. Und eben das Verschiedene, das ist Cohn von mir."
„Aha!" Eine ganz neue Sorte von Freundschaft.
„Ich wollte nachher nicht an das Konzert 'ran, aber er setzte mir so zu und erbot sich sogar, das Arrangement gratis zu übernehmen —"
„Ein edler Mann!"
Mein Spott war zu wenig scharf, als daß er ihn empfunden hätte.
„Seinen Vorteil wird er bei der Hotelrechnnng schon ausbeuten. Aber, weiß der Himmel, ohne Cohns Zureden hätten mich nicht zehn Pferde nach Nempen gebracht."
„Das kann ich mir denken."
„Der einzige Christ ist der Landrat."
„Und ob der ins Konzert kommt —"
„Sie haben recht; Landräte spielen gewöhnlich lieber Skat oder Whist."
„Woher wissen Sie denn das?"
„Von Bolle."
„Und der?"
„Nun, der war doch mal in Nempen, als sein Vater die Genossenschastsmolkerei für ihn gründen wollte, damit er was zu thun hätte. Da hat er Milch und Butter von selber zu Käse werden lassen —"
„Verzeihen Sie, weiß Spätzchen schon um die Probe morgen Bescheid?"
„Sie können's ihr nachher nochmal sagen, damit Ihre Seele Ruhe findet."
In diesem Moment schob ein Lohndiener ein riesiges Tablett mit allerhand Trinkbarem zwischen uns. Ich ergriff das erste beste Glas; Mecerino hatte mit raschem Blicke das einzige Sektglas unter der Gläsergemeinde entdeckt und goß es durch die Kehle.
„Ah, sieh da, Timotheus," ries er und setzte es auf das Tablett zurück, „da ist ja auch Bolle."
Ja, da war Bolle. Endlich!
Bolle sah unter brennenden Kronleuchtern sehr sein aus. Mau merkte es ihm sofort an, daß er Geld hatte. Dabei trug er sich durchaus nicht ungewöhnlich. Er war im Gegensatz zum blonden, vergißmeinnichtäugigen Mecerino dunkel, neigte stark zum Embonpoint und hatte ein klassisches Epitheton mit Jupiters Gattin gemein: er war „kuhäugig". Bereits im Mai hatte er sich — der Hitze halber! — seines Haarwuchses bis ziemlich aus die Kopfhaut entledigt, und um so riesenhafter erschienen dadurch seine dunkelbraunen, kugelartigen Augen. Er teilte Mecerinos Vorliebe für weiße Piquewesten, nur waren die seinen fünfundzwanzig Centimeter weiter,