Slechlin.
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„Unglaublich!" lachte Czako. „Rex, Rex! Ich Hab' Ihnen da schon vorhin alle Menschenkenntnis abgesprochen. Aber hier übertrumpfen Sie sich doch selbst. Wer Konventikel leitet, der sollte doch wenigstens die Weiber kennen. Stechlin sagte, sie sei lymphatisch und habe Vergißmeinnichtaugen. Und nun sehen Sie sich den Katzler an. Beinah' sechs Fuß und rotblond und das Eiserne Kreuz."
„Czako, Sie sind mal wieder frivol. Aber man darf es mit Ihnen so genau nicht nehmen. Das ist das Slavische, was in Ihnen nachspukt; latente Sinnlichkeit."
„Ja, sehr latent; durchaus vergrabner Schatz. Und ich wollte wohl, daß ich in die Lage käme, besser damit wuchern zu können. Aber. . ."
So ging das Gespräch noch eine gute Weile.
Die große Chaussee, darauf ihr Weg inzwischen wieder eingemündet war, stieg allmählich an, und als man den Höhepunkt dieser Steigung erreicht hatte, lag das Kloster samt seinem gleichnamigen Städtchen in verhältnismäßiger Nähe vor ihnen. Auf ihrem Hinritte hatten Rex und Czako so wenig davon zu Gesicht bekommen, daß ein gewisses Betroffensein über die Schönheit des sich ihnen jetzt darbietenden Landschasts- und Architekturbildes kaum ausbleiben konnte. Czako besonders war ganz aus dem Hänschen, aber auch Rex blieb nicht zurück. „Die große Feldsteingiebelwand," sagte er, „so gewagt im allgemeinen bestimmte Zeitangaben sind, möcht' ich aus 1375, also Landbuch Kaiser Karls IV., setzen dürfen." >
„Wohl möglich," lachte Woldemar. „Es giebt nämlich Zahlen, die nicht gut widerlegt werden können."
Rex hörte drüber hin, weil er in seinem Geiste mal wieder einer allgemeineren und höheren Auffassung der Dinge Zustrebte. „Ja, meine Herrn," hob er an, „das geschmähte Mittelalter. Da verstand man's. Ich wage den Ausspruch, den ich übrigens nicht einem Kunsthandbuch entnehme, sondern der langsam in mir herangereist ist: „Die Platzfrage geht über die Stilfrage." Jetzt wählt man immer die häßlichste Stelle. Das Mittelalter hatte noch keine Brillen, aber man sah besser."
„Gewiß," sagte Czako. „Aber das mit den Brillen, Rex, ist nichts für Sie. Wer mit seinem Monocle so viel operiert..."
Das Gespräch kam nicht weiter, weil in eben diesem Augenblicke mächtige Turmuhrschläge vom Städtchen Wutz her herüberklangen. Man hielt an, und jeder zählte. „Vier." Kaum aber hatte die Uhr ausgeschlagen, so begann eine zweite und that auch ihre vier Schläge.
„Das ist die Klosteruhr," sagte Czako.
„Warum?"
„Weil sie nachschlägt; alle Klosteruhren gehen nach. Natürlich. Aber wie dem auch sei, Freund Woldemar hat uns, glaub' ich, für vier Uhr angemeldet, und so werden wir uns eilen müssen."
VII.
Alle setzten sich wieder in Trab, auch Fritz, der dabei näher an die vorausreitenden Herren herankam.
lieber Land und Meer. Jll. Okt.-Hcste. XIV. 7.
Das Gespräch schwieg ganz, weil jeder in Erwartung der kommenden Dinge war.
Die Chaussee lief hier, aus eine gute Strecke, zwischen Pappeln hin, als man aber bis in unmittelbare Nahe von Kloster Wutz gekommen war, hörten diese Pappeln auf, und der sich mehr und mehr ver- schmälernde Weg wurde zu beiden Seiten von Feldsteinmauern eingefaßt, über die man alsbald in die verschiedensten Gartenanlagen mit Küchen- und Blumenbeeten und Obstbäumen dazwischen hineinsah. Alle drei ließen jetzt die Pferde wieder in Schritt fallen.
„Der Garten hier links," sagte Woldemar, „ist der Garten der Domina, meiner Tante Adelheid; etwas primitiv, aber wundervolles Obst. Und hier gleich rechts, da bauen die Stiftsdamen ihren Dill und ihren Meiran. Es sind aber nur ihrer vier, und wenn welche gestorben find — aber sie sterben selten — so sind es noch weniger."
Unter diesen orientierenden Mitteilungen des hier aus seinen Knabenjahren her Weg und Steg kennenden Woldemar waren alle durch eine Maueröffnung in einen großen Wirtschaftshof eingeritten, der baulich so Ziemlich jegliches enthielt, was hier, bis in die Tage des Dreißigjährigen Krieges hinein, der dann freilich alles zerstörte, mal Kloster Wutz gewesen war. Vom Sattel aus ließ sich alles bequem überblicken. Das meiste, was sie sahen, waren wirr durcheinander geworfene, von Baum und Strauch überwachsene Trümmermassen.
„Es erinnert mich an den Palatin," sagte Rex, „nur ins christlich Gotische transponiert."
„Gewiß," bestätigte Czako lachend. „So weit ich urteilen kann, sehr ähnlich. Schade, daß Krippenstapel nicht da ist. Oder Tucheband."
Damit brach das Gespräch wieder ab.
In der That, wohin man sah, lagen Trümmermassen, in die, seltsamlich genug, die Wohnungen der Klosterfrauen eingebaut waren, zunächst die größere der Domina, daneben die kleineren der vier Stiftsdamen, alles an der vorderen Langseite hin. Dieser gegenüber aber zog sich eine zweite, parallel laufende Trümmerlinie, darin die Stallgebäude, die Remisen und die Rollkammern untergebracht waren. Verblieben noch die zwei Schmalseiten, von denen die eine nichts als eine von Holunderbüschen übergrünte Mauer, die andre dagegen eine hochaufragende mächtige Giebelwand war, dieselbe, die man schon beim Anritt aus einiger Entfernung gesehen harte. Sie stand da, wie bereit, alles unter ihrem beständig drohenden Niedersturz zu begraben, und nur das eine konnte wieder beruhigen, daß sich auf höchster Spitze der Wand ein Storchenpaar eingenistet hatte. Störche, deren feines Vorgefühl immer weiß, ob etwas hält oder fällt.
Von der Maueröffnung, durch die man eingeritten, bis an die in die Trümmer eingebauten Wohngebäude waren nur wenige Schritte, und als man davor hielt, erschien alsbald die Domina selbst, um ihren Neffen und seine beiden Freunde zu begrüßen. Fritz, der, wie überall, so auch hier Bescheid wußte, nahm die Pferde, um sie nach einem an der andern Seite gelegenen Stallgebünde hinüberznführen,
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