Heft 
(1897) 07
Seite
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Stechliii,

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sich damals sehr über den alten Herrn von Stechlin geärgert haben. Und doch hat er eigentlich recht, wenn es auch bloß der Name ist, der so ernst und feierlich stimmt. Es liegt doch was drin, das einem Christenmenschen Zu denken giebt. Und gerade wenn man so recht vergnügt ist."

Darauf wollen wir anstoßen," sagte Czako, völlig im Dunkeln lassend, ob er mehr den Christen­menschen oder den Ernst oder das Vergnügtsein meinte.

Und überhaupt," fuhr die Schmargendorf fort, die Weine müßten eigentlich alle anders heißen, oder wenigstens sehr viele."

Ganz meine Meinung, meine Gnädigste," sagte Czako.Ta sind wirklich so manche. .. Man darf aber andrerseits das Zartgefühl nicht überspannen. Will man das, so bringen wir uns um die reichsten Quellen eigentlicher Poesie. Ta Haben wir beispiels­weise die ,Milch der Greise', Zunächst ein durch­aus unbeanstandenswertes Wort. Aber alsbald die Sprache liebt solche Spiele treten mannig­fache Fort- und Weiterbildungen an uns heran, und ehe wir uns versehen, hat sich die ganz allgemeine ,Milch der Greise' in eine spezielle ,Liebfrauenmilch' verwandelt. Beiläufig das Beste, was sie thun kann."

Hihi... Ja, die Liebfrauenmilch, die trinken wir auch. Aber nur selten. Und es ist auch nicht der Name, woran ich eigentlich dachte."

Sicherlich nicht, meine Gnädigste. Denn wir haben eben noch andre, dezidiertere, denen gegenüber nur das Refugium der französischen Aussprache bleibt."

Hihi... Ja, französisch, da geht es. Aber doch auch nicht immer, und jedesmal, wenn Rent­meister Fix unser Gast .ist und die Triglaff die Flasche hin und her dreht (ich habe gesehen, daß sie sie dreimal herumdrehte), daun lacht Fix . . . Uebrigens sieht es so aus, als ob die Domina noch was auf dem Herzen Hütte; sie macht ein so feier­liches Gesicht. Oder vielleicht will sie auch bloß die Tafel aufheben."

Und wirklich, es war so, wie die Schmargendorf vermutete.Meine Herren," sagte die Domina, da Sie zu meinem Leidwesen so früh fort wollen «wir haben nur noch wenig über eine Viertelstunde), so geb' ich anheim, ob wir den Kaffee lieber in meinem Zimmer nehmen wollen oder draußen unter dem Holunderbaum."

Eine Gesamtantwort wurde nicht laut, aber während man sich unmittelbar danach erhob, küßte Czako der Schmargendorf die Hand und sagte mit einem gewissen Empressement:Unter dem Holunder­baum also."

Die Schmargendorf verstand nicht im entferntesten, worauf es sich bezog. Aber das war Czako gleich. Ihm lag lediglich daran, ganz für sich selbst, die Schmargendorf auf einen kurzen aber großen Augen­blick ZumKäthchen" erhoben zu haben.

Im übrigen zeigte sich's, daß nicht bloß Czako, sondern auch Rex und Woldemar für den Holunder­baum waren, und so näherte man sich denn diesem.

Es war derselbe Baum, den die Herren schon beim Einreiten in den Klosterhof gesehen, aber in jenem Augenblick wenig beachtet hatten. Jetzt erst bemerkten

sie, was es mit ihm auf sich habe. Der Baum, der uralt sein mochte, stand außerhalb des Gehöftes, war aber, ähnlich wie der Pslaumenbaum im Garten, mit seinem Gezweig über das zerbröckelte Gemäuer fort- gewachsen. Er war an und für sich schon eine Pracht. Was ihm aber noch eine besondere Schön­heit lieh, das war, daß sein Laubendach von ein paar dahinter stehenden Ebereschenbäumen wie durch­wachsen war, so daß man überall, neben den schwarzen Fruchtdolden des Holunders die leuchtenden roten Eber­eschenbüschel sah. Auch das verschiedene Laub schattierte sich. Rex und Czako waren aufrichtig, entzückt, beinahe mehr als zulässig. Denn so reizend die Laube selbst war, so zweifelhaft war das un­mittelbar vor ihnen nicht bloß in Unordnung, sondern auch in durchaus ermangelnder Sauberkeit aus­gebreitete Hofbild. Aber pittoresk blieb es doch. Zusammengemörtelte Feldsteinklumpen lagen in hohem Grase, dazwischen Karren und Tüngerwagen, Enten- und Hühnerkörbe, während ein kollernder Truthahn von Zeit zu Zeit bis dicht an die Laube heran­kam, sei's aus Neugier oder um sich mit der Triglaff zu messen.

Als sechs Uhr heran war, erschien Fritz und führte die Pferde vor. Czako wies darauf hin. Bevor er aber noch an die Domina herantreten und ihr einige Dankesworte sagen konnte, kam die Schmargendorf, die kurz vorher ihren Platz ver­lassen, mit dem großen Kohlblatt Zurück, auf dem die beiden zusammengewachsenen Pflaumen lagen. Sie wollten mir entgehen, Herr von Czako. Das hilft Ihnen aber nichts. Ich will mein Vielliebchen gewinnen. Und Sie sollen sehen, ich siege."

Sie siegen immer, meine Gnädigste."

IX.

Rex und Czako ritten ab; Fritz führte Wolde­mars Pferd am Zügel. Aber weder die Schmargen­dorf noch die Triglaff zeigten sich, als die beiden Herren fort und die übrigen in die Wohnrämne zurückgekehrt waren, irgendwie beflissen, das Feld zu räumen, was die Domina, die wegen zu verhandelnder difficiler Dinge mit ihrem Neffen allein sein wollte, stark verstimmte. Sie Zeigte das auch, war steif und schweigsam und belebte sich erst wieder, als die Schmargendorf mit einem Male glückstrahlend ver­sicherte: jetzt wisse sie's; sie habe noch eine

Photographie, die wolle sie gleich an Herrn von Czako schicken, und wenn er dann morgen mittag von Cremmen in Berlin einträfe, dann werd' er Brief und Bild schon vorfinden und auf der Rückseite: Guten morgen, Vielliebchen." Die Domina fand das alles so lächerlich und unpassend wie nur möglich, j weil ihr aber daran lag, die Schmargendorf loszu- ! werden, so hielt sie mit ihrer wahren Meinung zurück uud sagte:Ja, liebe Schmargendorf, wenn Sie so was wollen, dann ist es allerdings die höchste Zeit. Der Postbote kann gleich kommen." Und wirklich, die Schmargendorf ging, nur die Triglaff zurück­lassend, deren Auge sich jetzt, mit dem ihm eignen ! Ausdruck, von der Domina zu Woldemar hinüber ' und dann wieder von Woldemar zur Domina zurück­bewegte. Sie war bei dem allem ganz unbefangen. Ein