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Stechlin.
Jahre zählt. Und von diesem ersten wirklichen Czako stammen wir doch natürlich ab. So wenigstens muß ich annehmen. Ehe es nicht einen wirklichen sachlichen Czako gab, das heißt also einen steisen Filzhut mit Leder oder Blech beschlagen, eher kann es auch keinen ,von Czako' gegeben haben; der Adel schreibt sich immer von solchen Dingen seiner Umgebung oder seines Metiers oder seiner Beschäftigung her. Wenn ich wirklich noch mal Lust verspüren sollte, mich standesgemäß zu verheiraten, so scheitere ich vielleicht an der Jugendlichkeit meines Adels und werde mich dann dieser Stunde, die mich, wenn auch nur irrtümlich, auf einen Augenblick Zu erhöhen trachtete, wehmütig freundlich erinnern."
Woldemar, seiner Philisterei sich bewußt werdend, zog sich wieder zurück, während die Schmargendorf treuherzig sagte: „Sie glauben also wirklich, Herr von . . . Herr Hauptmann . .. daß Sie von einem Czako herstammen?"
„So weit solch, wie ich zugebe, merkwürdiges Spiel der Natur überhaupt möglich ist, bin ich fest davon durchdrungen."
In diesem Moment, nach abermaliger Passierung des Platzes mit der Glaskugel, erreichte das Paar die Bank unter dem Pflaumenbaumzweige. Die Schmargendorf hatte schon lange vorher nach zwei großen, dicht zusanunensitzenden Pflaumen hinübergeblickt, und während sie jetzt ihre Hand danach ausstreckte, sagte sie: „Nun wollen wir aber ein Vielliebchen essen, Herr Hauptmann; wo, wie hier, zwei zusammensitzen, da ist immer ein Vielliebchen."
„Eine Definition, der ich mich durchaus anschließe. Aber, mein gnädigstes Fräulein, wenn ich Vorschlägen dürfte, mit dieser herrlichen Gabe Gottes bis zum Dessert zu warten. Das ist ja doch auch die eigentliche Zeit für Vielliebchen."
„Nun, wie Sie wollen, Herr Hauptmann. Und ich werde diese zwei für uns aufheben. Aber diese dritte hier, die nicht mehr dazu gehört, die werd' ich essen. Ich esse so gern Pflaumen. Und Sie werden sie nur auch gönnen."
„Alles, alles. Eine Welt."
Es schien, als ob sich Czako weiter über dies Pslaumenthema, namentlich auch über die sich darin bergenden Wagnisse verbreiten wollte, kan: aber nicht dazu, weil eben jetzt ein Diener in weißen Baumwollhandschuhen, augenscheinlich eine Gelegen- heitsschöpsung, in der Hofthür sichtbar wurde. Dies war das mit der Domina verabredete Zeichen, daß der Tisch gedeckt sei. Die Schmargendorf, ebenfalls eingeweiht in diese zu raschen Entschlüssen drängende Zeichensprache, bückte sich deshalb, um von einem der Gemüsebeete rasch noch ein großes Kohlblatt abzubrechen, auf das sie sorglich die beiden rotgetüpfelten Pflaumen legte. Gleich danach aber aufs neue Czakos Arm nehmend, schritt sie, der Domina folgend, auf Hof und Flur und ganz zuletzt aus den Salon Zu, der sich inzwischen in manchem Stücke verändert hatte, vor allem auch darin, daß neben dem Kamin eine zweite Konventualin stand, in dunkler Seide, mit Kopfschleifen und tiefliegenden, jedes Geheimnis auf
schließenden Kakadu-Augen, die in das Wesen aller Dinge einzudringen schienen.
„Ah, meine Liebste," sagte die Domina, auf diese zweite Konventualin znschreitend, „es freut mich herzlich, daß Sie sich, trotz Migräne, noch herausgemacht haben; wir wären sonst ohne dritte Tischdame geblieben. Erlauben Sie mir vorzustellen: Herr von Rep, Herr von Czako . . . Fräulein von Triglaff aus dem Hause Triglaff."
Nex und Czako verbeugten sich, während Woldemar, dem sie keine Fremde war, auf die Konventualin Zuschritt, um ein Wort der Begrüßung an sie zu richten. Czako, die Triglaff unwillkürlich musternd, war sofort von einer ihn interessierenden Aehnlich- keit betroffen und flüsterte dem sein Monocle wieder- holentlich in Angriff nehmenden Nex leise zu: „Krippenstapel, weibliche Linie."
Nex nickte.
Während dieser Vorstellung hatte der im Hintergründe stehende Diener den oberen und unteren Thürriegel mit einer gewissen Ostentation Zurückgezogen, und beide Flügel zu dem neben dem Salon gelegenen Eßzimmer thaten sich mit einer gewissen Feierlichkeit aus.
„Herr von Rex," sagte die Domina, „darf ich um Ihren Arm bitten."
Und gleich danach traten alle drei Paare in den Nebenraum ein, auf dessen gastlicher und nicht ohne Geschick hergerichteter Tafel Zwei Blumenvasen und zwei silberne Doppelleuchter standen. Der Diener aber hatte sich inzwischen am Büffett in Front einer Meißener Suppenterrine aufgestellt, und indem erden Deckel (mit einem abgestoßenen Engel obenauf) abnahm, stieg der Wrasen wie Opferrauch in die Höhe.
VIII.
Tante Adelheid, wenn sich nichts geradezu Ver- stimmliches ereignete, war, von alten Zeiten her, eine gute Wirtin und besaß neben andern: auch jene Direktoralaugen, die bei Tische so viel bedeuten; aber eine Gabe besaß sie nicht, die, das Gespräch, wie's in einem engsten Zirkel doch sein sollte, zusammenzufassen. So Zerfiel denn die kleine Tafelrunde von Anfang an in drei Gruppen, von denen eine, wiewohl nicht absolut schweigsam, doch vorwiegend als Tafelornament wirkte. Dies war die Gruppe Woldemar-Triglaff. Und das konnte nicht wohl anders sein. Die Triglaff, wie sich das bei Kakadugesichtern so häufig findet, vereinigte in sich den Ausdruck höchster Tiefsinnigkeit mit einer im übrigen ganz ungewöhnlichen Umnachtung, und ein letzter Nest von Helle, der ihr geblieben sein mochte, war ihr durch eine stupende Triglaffvorstellung schließlich auch noch abhanden gekommen. Eine direkte Descendenz von dem gleichnamigen Wendengotte war freilich nicht nachzuweisen, aber doch auch nicht ausgeschlossen, und wenn dergleichen überhaupt Vorkommen oder nach stiller Uebereinkunst auch nur allgemein angenommen werden konnte, so war nicht abzusehen, warum gerade sie, die Triglaff, leer ausgehen oder auf solche Möglichkeit verzichten sollte.