Stechlin.
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Stunde bis in Czakos Kaserne. Der weite Weg ist es auch eigentlich nicht, wenigstens nicht allein, weshalb ich Czako so selten sehe. Der Hauptgrund ist doch der, er paßt nicht so ganz zu uns und eigentlich auch kaum zu seinem Regiment. Er ist ein guter Kerl, aber ein Aequivokenmensch und erzählt immer Nachmitternachtsgeschichten. Wenn man ihn allein hat, geht es. Aber hat er ein Publikum, dann kribbelt es ihn ordentlich, und je feiner das Publikum ist, desto mehr. Er hat mich schon oft in Verlegenheit gebracht. Ich muß sagen, ich Hab' ihn sehr gern, aber gesellschaftlich ist ihm Rex doch sehr überlegen."
„Ja, Rex; natürlich. Das Hab' ich auch gleich bemerkt, ohne mir weiter Rechenschaft darüber zu geben. Du wirst es aber wissen, wodurch er ihm überlegen ist."
„Durch vieles. Erstens, wenn man die Familien abwägt. Rex ist mehr als Czako. Und dann ist Rex Kavallerist."
„Aber ich denke, er ist Ministerialassessor."
„Ja, das ist er auch. Aber nebenher, oder vielleicht mehr noch darüber hinaus, ist er auch Offizier, und sogar in unsrer Dragonerbrigade."
„Das freut mich; da ist er ja so gut wie ein Spezialkamerad von dir."
„Ich kann das zugeben und doch auch wieder nicht. Denn erstens ist er in der Reserve, und zweitens steht er bei den Zweiten Dragonern."
„Macht das 'neu Unterschied?"
„Gott, Tante, wie man's nehmen will. Ja und nein. Bei Mars la Tour haben wir dieselbe Attacke geritten."
„Und doch..."
„Und doch ist da ein gewisses ,js na suis hnoi."
„Sage nichts Französisches. Das verdrießt mich immer. Manche sagen jetzt auch Englisches, was mir noch weniger gefüllt. Aber lassen wir das; ich finde nur, es wäre doch schrecklich, wenn es so bloß nach der Zahl ginge. Was sollte denn da das Regiment anfangen, bei dem ein Bruder unsrer guten Schmargendorf steht? Es ist, glaube ich, das hundertfünfundvierzigste."
„Ja, wenn es so hoch kommt, dann verthut es sich wieder. Aber so bei der Garde..."
„Darin, mein lieber Woldemar, kann ich dir doch kaum folgen. Unser Fix sagt mitunter, ich sei Zu exklusiv, aber so exklusiv bin ich doch noch lange nicht. Und solch Verstandsmensch, wie du bist, so ruhig und so ,abgeklärt', wie manche jetzt sagen, und Gott verzeih mir die Sünde, auch so liberal, worüber selbst dein Vater klagt. Und nun kommst du mir mit solchem Vorurteil, ja, verzeih mir das Wort, mit solchen Ueberheblichkeiten. Ich erkenne dich darin gar nicht wieder. Und wenn ich nun das erste Garderegiment nehme, das ist ja doch auch ein erstes. Ist es denn mehr als das zweite? Man kann ja sagen, so viel will ich zugeben, sie haben die Blechmützen und sehen aus, als ob sie lauter Holländerinnen heiraten wollten . . . Was ihnen schon gefallen sollte."
„ Den Holländerinnen?"
Ueber Land und Meer. Jll. Okt.-Hefte. XIV. 7.
„Nun, denen auch," lachte die Tante. „Aber ich meinte jetzt unsre Leute. Mißverstehe mich übrigens nicht. Ich weiß recht gut, was es mit den Grenadieren aus sich hat; aber die andern sind doch ebensogut, und Potsdam ist doch schließlich bloß Potsdam."
„Ja, Tante, das ist es ja eben. Daß sie noch immer in Potsdam sind, das macht es. Deshalb ist es nach wie vor die ,Potsdamer Wackllparade'. Und dann das Wort ,erstes' spielt allerdings auch mit. Ein alter Römer, mit dessen Namen ich dich nicht behelligen will, der wollte in seinem Potsdam lieber der Erste, als in seinem Berlin der Zweite sein. Wer der Erste ist, nun, der ist eben der Erste, und als die andern aufstanden, da hatte dieser,Erste' schon seinen Morgenspaziergang gemacht, und mitunter was für einen! Sieh, als das Zweite Garderegiment geboren wurde, da hatten die mit den Blechmützen schon den ganzen Siebenjährigen Krieg hinter sich. Es ist damit wie mit dem ältesten Sohn. Der älteste Sohn kann unter Umständen dümmer und schlechter sein als sein Bruder, aber er ist der älteste, das kann ihm keiner nehmen, und das giebt ihm einen gewissen Vorrang, auch wenn er sonst gar keinen Vorzug hat. Alles ist göttliches Geschenk. Warum ist der eine hübsch und der andre häßlich? Und nun gar erst die Damen. In das eine Fräulein verliebt sich alles, und das andre spielt bloß Mauerblümchen. Es wird jedem seine Stelle gegeben. Und so ist es auch mit unserm Regiment. Wir mögen nicht besser sein als die andern, aber wir sind die ersten, wir haben die Nummer eins."
„Ich kann da beim besten Willen nicht recht mit, Woldemar. Was in unsrer Armee den Ausschlag giebt, ist doch immer die Schneidigkeit."
„Liebe Tante, sprich, wovon du willst, nur nicht davon. Das ist ein Wort für kleine Garnisonen. Wir wissen, was wir Zu thun haben. Dienst ist alles, und Schneidigkeit ist bloß Renommisterei. Und das ist das, was bei uns am niedrigsten steht."
„Gut, Woldemar, was du da zuletzt gesagt hast, das gefällt mir. Und in diesem Punkte muß ich auch deinen Vater loben. Er hat vieles, was nur nicht zusagt, aber darin ist er doch ein echter Stechlin. Und du bist auch so. Und das Hab' ich immer gesunden, alle die so sind, die schießen zuletzt doch den Vogel ab, ganz besonders auch bei den Damen."
Dies „bei den Damen" war nicht ohne Absicht gesprochen und schien aus das bis dahin vorsichtig vermiedene Hauptthema hinübersühren zu sollen. Aber ehe die Tante noch eine direkte Frage stellen konnte, wurde der Rentmeister gemeldet, der ihr in diesem Augenblicke sehr ungelegen kam. Die Domina wandte sich denn auch in sichtlicher Verstimmung an Woldemar und sagte: „Soll ich ihn sortschicken?"
„Es wird kaum gehen, liebe Tante."
„Nun denn."
Und gleich danach trat Fix ein.
X.
Während Woldemar und die Domina miteinander plauderten, erst im Tete-a-Tete, dann in Gegenwart von Rentmeister Fix, ritten Rex und Czako
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