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Drei Hage aus Zoos Leöen.
er sie dem Mädchen überreichte, das im eifrigen Naschen es den Türkinnen ringsum zuvorthat. Seine Augen waren nur selten umhergeschweift, sondern hatten die Worte unterstützt, die er ohne Rücksicht auf den stumm und ernst mit feinem roten Fez dasitzenden Muselman, der das Boot lenkte, ihr zugeflüstert. Während sie nachlässig den großen Fächer auf und zu klappte, wie sie es den Damen im Salon der Herrin abgelauscht, lies; er die Manschettenknöpfe, deren Ähnlichkeit mit denen des Gemahls ihrer Gebieterin sie spöttisch lächelnd beobachtete, in den Strahlen der untergehenden Sonne funkeln; beide waren mit sich selbst beschäftigt, beide, in: Vollbewußtsein ihrer ausfallenden Erscheinung, verfolgten eigne Zwecke und suchten einander zu überlisten in der Hoffnung, daß einer die Plane des andern fördere, ohne es selbst zu ahnen.
Die Sonne neigte sich zum Untergange; rot schimmerten Himmel und Wasser. Die meisten Boote waren verschwunden, denn keine Türkin darf nach Sonnenuntergang noch außerhalb ihres Harems sein. Leiser Abendwind stichelte Zoes glühende Wangen und trieb ihr schlankes Fahrzeug in den Schatten der tief herabhängenden Zweige am Ufer, durch deren Laub der Mond hindurchblinkte. Die weiche Stimme des jungen Italieners erzählte von den kleinen Trattorien, die in seiner Heimat das Glück so manchen jungen Paares begründen halfen. „Wie würden die Forestieri in Scharen kommen, wenn solche bella Padrona ihnen den süßen Falerner Wein kredenzte!" flüsterte er, und Zoe ließ das Köpfchen sinken, um ihre Besriedignng nicht zu früh durch das Leuchten ihrer Augen zu verraten.
Als dann die Nacht sich auf das Goldene Horn herabsenkte und das junge Paar am Ouai von Pera ausstieg, um Arm in Arm durch die stillen Straßen zurückznkehren, war Zos die Braut Bartolos.
Ein triumphierendes Lächeln umspielte die Lippen beider; sie sprachen von Liebe — aber Zos dachte an das gute Geschäft, das sie gemacht zu haben ineinte, und Bartolo berechnete im stillen, wie er die Leichtgläubigkeit des Mädchens am besten ausnutzen könne.
-X-
Wenige Wochen später treffen wir Zos vor der Thür des Gesandtschaftshotels, wo sie ihrer zu einem Feste sich begebenden Herrin half, die schweren, schleppenden Gewänder in der Portechaise nnterzubringen, die sie wenige Augenblicke später davontrug, begleitet von den Kawassen des Gesandten. Lautlos huschte dann die schlanke Gestalt der Griechin die mit Teppichen belegten Marmorstufen hinauf, nachdem sie eine leise geflüsterte Verabredung mit Bartolo an der Thür der Portierloge getroffen hatte. Oben glitt ihr prüfender Blick über das leer stehende Boudoir der Gebieterin, rasch entzündete sie die Gaskandelaber darin und verschwand dann in dem daranstoßenden Toilettenzimmer, wo bereits die kleine, unter ihrem Befehl stehende türkische Dienerin ihrer harrte.
„Schnell, Seltne," lauteten die ungeduldig ihr zu- gernfenen Worte, „hole den Karton ans meinem Zimmer, der dort bereit steht!"
Und nun begann das putzsüchtige Dämchen Toilette zu machen.
„Heut oder nie," murmelte sie vor sich hin, während sie alle kleinen Toilettenkünste, die sie der Herrin abgelauscht hatte, an sich selbst erprobte. „Wenn es sein Herz nicht unwiderstehlich bezaubert, wenn er mich in dem reizenden Hochzeitsgewande vor sich sieht, das mich die ganzen Ersparnisse und so viel Fleiß der letzten Wochen gekostet, so erreiche ich nie inein Ziel bei ihm! Noch heute muß er den Hochzeitstag festsetzen, noch heilte versprechen, daß unsre Verlobung öffentlich wird."
Dann brachte sie mit dem erhitzten Brenneisen leichte Wellen in dem dicht auf der Stirn aufliegenden, kurzen
Haar hervor, griff nach dem gelblichen Puder, den die Lady selbst nur gebrauchte, wein: der Eindruck, den sie zu machen gedachte, ein ganz bezaubernder sein sollte, und wußte mit den kleinen Elfenbeinutensilien, die sie dem blauen Plüschetui entnahm, auch die geringsten Unregelmäßigkeiten an den gepflegte,: Nägeln der kleinen Hand zu entfernen.
Und nun legte sie das nach der neuesten Mode gearbeitete Kleid von weißer Brussa-Seide an, das Selina bewundernd den: Karton entnommen, und betrat nach einen: selbstzufriedenen Blick in den großen Spiegel das Boudoir.
Hier saß bereits in bequemster Stellung Bartolo ans den: niedrigen kleinen: Diwan, in bläuliche Rauchwolken gehüllt, die den für die Gäste seiner Herrschaft bestimmten Zigaretten entströmten.
Ein Laut der Bewunderung entfuhr seinen Lippen bei»: Eintritt der strahlend schönen Braut, und die nächsten Stunde:: konnte Zos zufrieden sein mit den glühenden Versicherungen seiner Verehrung. Aber selbst nicht der zungenlösende griechische Wein, den sie ihm aus dem Büffett der Herrschaft reichte, brachte den schlauen Italiener zu der erhofften festen Bestimmung ihres Hochzeitstages; glatt wie ein Aal wußte er allen Andeutungen zu entgehen.
Leise die Falten des bräutlichen Gewandes der Geliebtei: streichend, flüsterte er nur ii: bedauernden: Ton:
„Armer Fratello! Arme Bionda! Was würden beide darum gebe::, wenn solch köstliches Kleid, von solch künstlerischer Hand gefertigt, nur für kurze Zeit in ihren Händen wäre! Wie dankbar würde ich selbst sein und keine Bitte versagen können derjenigen, die hochherzig genug wäre, ihr eignes Hochzeitskleid erst einer ander!:, weniger von: Glück Begünstigten zu borgen!"
Fragend blickte Zos dem Geliebtei: in die Augen, deren lauernder Ausdruck durch die halb geschlossene!: Lider verborgen war.
„Das Kleid ist schön, nicht währ, mon ami?" fragte Zos. „Es ist von Seide und kostet die Gage von drei Monaten! Aber ich habe es gern gezahlt, damit du dich meiner nicht zu schämen brauchst, wenn endlich der Tag bestimmt..."
Eine Flut von Beteuerungen unterbrach die Anspielung. „Ich weiß, welches Glück für mich ii: der Zukunft liegt, enrn min!" schloß Bartolo. „Es ist nur eine unbequeme Eigenschaft meines Herzens, daß es sich nie voll und ganz des eignen Glückes erfreuen kann, solange es noch unbefriedigte Wünsche, traurige Gesichter um sich weiß!" Und dann folgte eine rührende Erzählung von dem geliebten einzigen Bruder, der, als Dragoman angestellt, seit Jahren die Tochter eines unbemittelten Landsmannes liebe, der in Pera einen kleinen Laden eröffnet habe.
„Jetzt sind die Hindernisse überwunden, morgen soll die Hochzeit sein, aber wie ärmlich, so ganz ohne den Chic und die unnachahmliche Grazie dieses Gewandes ist das schmucklose Kleidchen des Mädchens, das mein Bruder heimführen will! Wie würde meine ganze Familie daheim in Sorrento, wie würde meine stolze Mutter, in deren Adern sogar edles venetianisches Blut fließt, eicksetzt sein über das einfache Leinwandkleidchen Biondas, die meinen Bruder und sich morgen dem Gespött der Leute preisgeben wird!" seufzte Bartolo mit kläglichem Tone.
Zos hatte mit halbgeöffneten: Munde und lebhaften: Mienenspiel gelauscht.
„Wie weich, wie gut ist Bartolo," dachte sie, „wie leicht wird er zu leiten fein, wenn ich nur erst seine Frau bin!" Ob es den: Kleide wohl etwas schaden würde, wenn Bionda sich morgen darin traue:: ließe mit dem Bruder Bartolos, von dem sie übrigens bis jetzt noch nie gehört hatte? Würde diese Bereitwilligkeit, sich der Familie gefällig zu zeigen, nicht ihre eignen Pläne fördern, ihre Großmut nicht endlich die ersehnte Festsetzung des eignen Hochzeitstages herbeiführen?