Das Fest der Blumen im wiener j)rater.
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Verkehren zu können, und das eben hat dem Prinzen die Herzen der Massen gewonnen. Unter diese Massen sind übrigens auch die hervorragendsten Vertreter der Aristokratie zu rechnen, serner solche, welche zwar keinen Adelstitel sichren, aber den Adel des Geistes auf der Stirn tragen: Gelehrte, Künstler, Schriftsteller. Zn letzterem Stande zählt sa der Kronprinz selbst, indem er schon vor Jahren ein ornithologisches Werk sowie Reisebeschreibungen verfaßt hat, und nun an der Spitze eines für Oesterreich bedeutsamen Unternehmens steht, an der Herausgabe von „Oesterreich-Ungarn in Wort und Bild" — eines Werkes, an dem die ersten Gelehrten und Künstler des Landes bethciligt sind.
Die Kronprinzessin gilt heute allgemein als eine Wienerin von echtem Schrot und Korn. So hat es ihr Gatte unlängst selbst bei Gelegenheit der Eröffnung der Stefaniebrücke gesagt, und so wiederholt es jeder Bewohner der Stadt, wenn er von der Erzherzogin spricht. Das bezaubernde, herzgewinnende Lächeln verläßt die schöne Frau keinen Augenblick, und so wurde sie. denn auch nicht müde, Grüße nach allen Seiten zu spenden. —
Den Hofeqnipagen folgten noch mehrere prächtig herausgeputzte Gespanne, so die Wagen der Grafen Podstatzky, Hunyadi, der Baronin Leitenberger nnd andere, — und diesen schlossen sich die Blumenkörbe oder Rosenlanben an, deren Insassinnen den verschiedenen Wiener Theatern angehörten; es regnete Blüthen hin und her, glockenhelles Lachen hing in der Luft, immer zahlreicher sielen die duftenden Geschosse von Wagen zu Wagen, bis endlich die Vorräthe erschöpft waren nnd neuer Proviant ans den Verkaufsbuden herbeigeschafft werden mußte.
Jetzt hallte eine fröhliche Jagdfanfare die Allee heraus und feierlich, von sechs stattlichen Pferden gezogen, denen zur Seite mittelalterlich gekleidete Knechte schritten, hielten die Wiener Hornisten auf dem turmhoch aufgebauten Wagen ihren Einzug; es war ein Stückchen Wald, das die Künstler da ans ihrem Fuhrwerke mitbrachten, — harzig duftende Fichten nnd Tannen, zwischen welchen der Bläserchor malerisch gruppirt stand und die mannigfaltigsten Weisen durch die Lüfte Hallen ließ.
Es schien, als wolle der Corso kein Ende nehmen; sechs Uhr und noch immer drängte sich Wagen auf Wagen. — Nach und nach wechselten aber die Zuschauer den Platz; Jene, welche schon mehrere Stunden dort gestanden, gingen allmählich ab, denn es gab ja noch so Vieles zu sehen und zu hören, — doch füllten sich gar schnell wieder die Lücken mit anderen Neugierigen aus, die schon längst darauf gelauert, daß den Erstgekommenen das Stehen und Drangen schließlich doch lästig werden würde. — Ein Strom wälzte sich nun den Seitenweg hinab, gegen die Rotunde zu. Um in
das Innere des Raumes zu gelangen, mußte man sich der Strömung überlassen, die Einen gleich Meereswogen bald rechts, bald links trug, bis man schließlich nach langem Zappeln und Balanciren glücklich durch die Tourniquets gepreßt war . . . Und jetzt? — Jetzt war an ein rascheres Weiterkommen noch immer nicht zn denken, denn die Rotunde war bis aus den letzten Quadratfuß mit Menschen angefüllt; von der erhöhten Vorhalle ans gesehen, war der riesige Bau wie mit Köpfen gepflastert; am Eröffnungstage der Weltausstellung selbst hat man nicht solche Massen verzeichnet, wie bei dieser Gelegenheit!
An Stelle des Springbrunnens war ein Podium von geringer Höhe angebracht, auf welchem das Damensechten und die Produktion des Athletenclubs stattfinden sollten, während längs der inneren Peripherie der Rotunde die verschiedenen Verkaufsbuden und Glückshäfen Platz gefunden hatten, zu welchen sich die Kauf- und Gewinnlustigen drängten. — Die Preise waren verlockend genug: Erster Preis, ein Adler, aus tausend Silbergulden gebildet; — zweiter Preis, eine vollständige Brautausstattung; — dritter Preis, ein Paar sehr netter Ponnies; diesen Gewinngegenständen schlossen sich noch zahlreiche kleinere Treffer an.
Es gab der Ueberraschungen so viele, daß man nicht recht wußte, iu welche Richtung man sich vom Menschenstrom tragen lassen sollte: Gleich beim Eingang rechts und links Blnmenzelte, in denen reizende Verkäuferinnen auf die Besucher ihre magnetische Anziehungskraft ausübten; ein Lächeln von solchen Lippen, und die Worte: „Bitte kaufen Sie für den wohlthätigen Zweck", mußten das Herz des griesgrämigsten Bären wie Butter schmelzen machen.
Von hier führte der Weg direct zur Bierausstellung; da konnte sich der Kenner nach Lust sein Lieblingsgebräu aussnchen, denn alle Sorten, die in Wien zu bekommen sind, wurden dort feilgeboten. Von da ging es weiter, am Militairorchester vorbei, zu den kleinen Etablissements, wo man Ball werfen, Ring schleudern, oder den wunderbaren Hund bewundern konnte, um dann direct den Volkssängern und Preisjodlern in die Arme zu laufen.
Plötzlich verstummte aber das Gemurmel und das Gesumme im eigeutlichen Centrum der Rotunde, denn der Männergesangverein erschien auf der Terrasse, um seine Vorträge zu beginnen. Es ist wohl überflüssig, über die Leistungen dieser vortrefflichen Sängerschaar in's Detail einzugehen, — ihr Ruf ist ja weltberühmt, sie sind weit und breit bekannt, und wurden sogar für dieses Jahr nach Milwaukee eingeladen, . . . aber ein Wiener nach Milwaukee,