Heft 
(1.1.2019) 08
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A. G. von Suttner.

Brausend ging es weiter, bis an das fernste Ende des Praters, ein Triumphzug, wie ihn die Stadt Wien schon lange nicht gesehen hatte!

Ja, was den ehrenwerthen Vätern der Stadt nach monatlangen Vorbereitungen nicht gelungen wäre, sie, die Fürstin, hat es in wenigen Wochen erreicht, nämlich das einmüthige Zusammenhalten von Reich und Arm, von Hoch und Niedrig, um ein Fest zu Stande zu bringen, das in jeder Bezieh­ung glänzend war. In ihrer Bescheidenheit hat die Fürstin das Hauptverdienst an der Sache ab­gelehnt; sie erklärte, daß der Blumencorso die Idee der Kammersängerin Pauline Lueea gewesen, und daß Dank der Fürsprache der Erzherzoginnen Maria Theresia und Marie der Prater zu diesem Zwecke dem Festcomita zur Verfügung gestellt wurde, aber daß die Fürstin die Seele des Ganzen ge­wesen, daß die Beseitigung vieler Hindernisse und der vollkommene Erfolg nur ihrer Energie, ihrem rastlosen Eifer zu verdanken ist, darüber herrscht nur eine Stimme.Das ist eine Frau, die Met­ternich!" sagte ein gemüthlicher Vorstadtbürger zu mir (die Wiener haben seit jeher die Gewohnheit, bekannte und beliebte Persönlichkeiten einfach bei ihren Zunamen zu benennen).Das lasse ich mir gefalle»! Wenn wir künftig eine neue Wasserlei­tung oder eine Stadtbahn durchsetzen wollen, so lassen wir den guten Gemeinderath beiseite und gehen zur Metternich; die wird's schon machen!"

Ich für meine Person hege keinen Zweifel, daß der brave Mann im lleberschänmen seines erfreuten Herzens das Richtige getroffen hat. Es ist nicht zum ersten Male, daß ich's wage, für den Geist, die Thatkraft und den Muth der Frau eine Lanze einzusetzen; wenn es gilt, sich mit aller moralischen Kraft zur Erreichung eines Zieles hinzugeben, so läuft uns die Frau, elst wir's uns versehen den Rang ab; sie wird nicht ruhen und rasten-, bis es biegt oder bricht! Mögen die entrüsteten Vertreter des starken Geschlechtes mich mit Steinen bewerfen es ist dennoch so es ist das Ergebniß vieler Beobachtungen, die ich bei Gelegenheiten gemacht, wo derstarke" Mann sich als schwaches Kind, und dasschwache" Weib sich als Athlet des Geistes erwiesen haben!- Selbst der vornrthcilsvolle Franzose, der die Frau gemeiniglich als Zierpuppe betrachtet, giebt in häufigen Fällen eine Gleichheit und sogar eine Ueberlegenheit zu und muß sich herbeilassen zu sagen: o'aR rum lmrurm ä'Wprit. Das Volk der Denker hingegen wollte von diesem Zugeständnisse nur selten etwas wissen, denn ein paar Auguren der Wissenschaft haben ja das Dogma aufgestellt, daß die Frau infolge der Gehirnklein­heit zu Strickstrnmps und Kaffeemaschine verurtheilt sei und vor allem, was Dogma heißt, hat man ja in den deutschen Gauen heutzutage noch einen ^

gewaltigen Respect.- Zum Glück ist zunächst eine berufene Autorität gegen diese Theorie eingetreten, Ludwig Büchner, der die Unhaltbarkeit derselben beweist und uns klar und deutlich darlegt, daß hier nicht Maß und Gewicht den Ausschlag geben, indem sonst der Elephant und der. Walfisch die geistreichsten Geschöpfe der Erde sein müßten.

Doch wohin gerathe ich da! Vom Blumen­corso und den schönen Frauen zu Wissenschaft und zoologischen Betrachtungen! Das ist schlimm, umso schlimmer, als die liebenswürdigen Leserinnen gewiß schon ungeduldig geworden sind und meinen, daß ich nun endlich Equipagen und Toiletten einer eingehenden Besprechung unterziehen sollte .... Gut also die hellgelben Livreen tauchten auf hoch, hoch, hoch," ging es begeistert durch die Menge und vorbei rollte der Wagen und vorbei war's auch mit der nöthigen Sammlung, um berichten zu können, ob die Pferde mit rothen oder weißen, oder gelben Blüthen geschmückt waren denn ich gestehe es, wenn ich die Wahl habe, eine schöne Equipage oder eine interessante Frau zu bewundern, so ziehe ich Letzteres dem Ersteren vor. Uebrigens dürfte die Volksstimme recht haben, welche dem Metter- nich'scheu Gespanne den ersten Preis Anerkannte; einer Frau, die sogar im rigorosen Paris durch ihren Geschmack Aussehen erregt hat und welche ihr Wiener Heim mit soviel Kunstsinn anszustatten wußte, wird es eben nicht schwer gefallen sein, auch ihrer Equipage den gewissen ellio zu geben, der weniger im Ueberfluß an grellen Farben, als in der malerischen Anordnung von zarten, duftenden Blüthen zu suchen ist, ans diesem Grunde mag wohl auch die Fürstin den Platz an ihrer Seite der Baronin Bonrgoing-Kinsky an­gewiesen haben.-

Einen höchst vornehmen Eindruck machte das Viergespann a. 1a Daumont der Erzherzogin Maria Theresia, und bewundernde Ruse wurden laut, als der kleine ganz in Veilchen gehüllte Wagen des Baron Rothschild sichtbar wurde, dessen Insassen mit vollen Händen die Sträuße unter die Menge streuten.

Wieder ging das. Gejubel los, als eine.Hof- eqnipage in raschem Trab herangervllt kam, von vier berittenen Cavalieren escortirt.Der Kron­prinz mit der Kronprinzessin!" ging das Lauffeuer weiter und freundlich nach allen Seiten grüßend erwiderte das junge Paar die Zurufe der Menge. Kronprinz Rudolf erfreut sich in Wien einer großen Popularität, »veil er eben den Wienern bei jeder Gelegenheit offen seine Sympathie entgegen­bringt. Die Hosetikette wird zum Schmerze ein­zelner altersschwacher Hosschranzen öfter dem Drange . geopfert, sich von den starren Fesseln zu befreien, um in ungezwungener Weise mit den Menschen