Heft 
(1.1.2019) 08
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A. G. von Suttner. Das Fest der Blumen im Wiener Prater.

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Zum Glück gab es einsichtsvolle Fiaker, welche Solche, die frühzeitig an Ort und Stelle sein woll­ten, nach der gewöhnlichen Taxe an ihr Ziel be­förderten; nur Jene, welche am Eorso selbst in blumengeschmückten Wagen theilzunehmen wünschten, mußten bereit sein, dieses Vergnügen mit fünfzig und auch mit hundert Gulden zu bezahlen. Es fanden sich Viele, die sich diesen Spaß erlauben konnten, jedenfalls ein Zeichen, daß das Ge­rücht über den finanziellen Untergang Wiens ver­früht ist.

Einzelne Hausbesitzer der Leopoldstadt hatten mit anerkennenswerthem Eifer das Ihrige dazu beigetragen, um der Straße, welche die Wagenzüge passiren sollten, ein festliches Aussehen zu geben; durch besonders geschmackvolle Decorationen thaten sich das Hotel Kronprinz und das Hotel Europe hervor; auch die Front des Carltheaters war mit reichen Festons und Guirlauden behängen. Im Prater selbst hatte man natürlich die kleinste Bude mit Blumen ausstaffirt und sogar die umherziehen­den Backwerkverkäufer trugen an ihrenBretzel­stangen" einen Strauß, oder hatten eine Rose hin- ter's Ohr gesteckt.

Schon in der ersten Nachmittagsstuude herrschte allenthalben im Grünen ein ungewöhnlich reges Leben, das von Minute zu Minute zunahm, um gegen vier Uhr den Culminationspunkt zu errei­chen. Militärbanden und Zigeunerorchester lockten die musikliebenden Wiener nicht weniger in die zahlreichen Restaurants, als die stattlichen Reihen von Bierfässern, denen unaufhörlich das schäumende Naß entzogen wurde. Dreimalhunderttausend Keh­len! Welche Massen sind die im Stande zu ver­schlucken, wenn die Maiensonne mit Julihitze her­unterbrennt und der Staub die Luft in einen grauen Nebel verwandelt! Das wäre für Zola's Meister- seder eine Gelegenheit gewesen, den Varckraäs Vianno zu studiren und zu beschreiben; den Ansturm all' der Durstigen, die bereit gewesen wären, sich unter's Faß zu legen, um die Labung direct zu empfangen, da es nicht selten an Gläsern mangelte, das Flehen der Hungernden, um ein Stückchen Fleisch, oder doch wenigstens Käse und Brot zu erlangen, dazu die ununterbrochenen Zuzüge faßbeladener Bierwagen, die nicht rasch genug ihres Inhalts entledigt werden konnten, um all' den Lechzenden und Keuchenden die ersehnte Labnng zu schenken!

Wer glücklich den Durst gestillt hatte, stürmte nun davon, um sich womöglich noch ein Plätzchen zu sichern, von dem ans er den Blumencorso mit Andacht genießen konnte. Fünf, sechs, sieben Köpfe hoch stauten sich die Reihen zu beiden Seiten der Hauptallee und zogen sich vom Anfang des Praters bis über das Rondeau, also eine Strecke von gut fünf Kilometer Länge fort. Dabei sandte

die Sonne ihre sengendsten Strahlen herab, gegen welche diesmal nicht einmal die dichtbelaubten Ka­stanienbäume genügenden Schutz zu gewähren ver­mochten; die Gesichter glühten, die Schweißtropfen rieselten ununterbrochen über Stirn und Wange, es war, wie wenn diese enorme Menschenmenge damit beschäftigt wäre, den Kessel einer Riesen- dampfmaschine zu überwachen und deren Feuer zu schüren. Doch alles das vermochte nicht die gute Laune der Leute zu trüben, unter denen die Mei­sten schon seit etlichen Stunden diese Glühhitze und das Drängen der Hinteren Reihen in engelgleicher Geduld über sich ergehen ließen. Man lachte, scherzte, plauderte und verlor keinen Augenblick den Humor", den der Wiener bei solchen Gelegenheiten mit Vorliebe entwickelt; ja, einzelne Leute in der ersten Reihe waren gntmüthig genug, fremde Kin­der, die kaum dem Säuglingsalter entwachsen waren, auf den Arm zu nehmen, ein Act, zu dem eine große Dosis von Hcrzensgüte und Selbstverleug­nung gehörte.

Einzelne Gefährte, meist Miethwagen, waren frühzeitig erschienen, um die Allee in raschem Tempo zu dnrchrollen, bald hieß es aber die Eile hemmen, denn der Andrang der Wagen wurde immer stärker, so daß endlich der Fahrweg von vier Reihen, die im Schritt fahren mußten, eingenommen war. Nach polizeilicher Zählung nahmen über Vierthalb­tausend Equipagen an der Festfahrt theil, - hätte man also alle diese Gespanne in eine Linie gestellt, mau würde eine Wegstrecke von etwa 20 Kilometer damit ansgefüllt haben; thatsächlich stand die Arriäregarde noch auf der Ringstraße, während die Vorhut bereits am Praterrondeau angekommen war. Anfangs verhielt sich die dichtgedrängte Masse der Zuschauer verhältnißmüßig still; offenbar war inan von der Neuheit dieser fahrenden Blumen­körbe noch zu sehr überrascht, um ein Wort darüber laut werden zu lassen, allmählich brach sich je­doch dieser Bann des Schweigens, und einige von den hervorragendsten Equipagen wurden mit ein­zelnen Bravos begrüßt.

Plötzlich entstand eine lebhafte Bewegung in den Reihen, von ferne hallten Gemurmel und Bei­fallsrufe herüber, die sich gleich einem elektrischen Strom die ganze Linie entlang fortsetzten, immer lauter und lauter werdend, bis endlich der brau­sende Jubel losbrach.Die Metternich kommt! Die Metternich kommt!" hieß es, und nun tauch­ten die hellgelben Livreen aus. Das waren jetzt frenetische, enthusiastische Zurufe, Alles, was aus den Beinen war, brachte der hochherzigen Frau die wohlverdiente Huldigung dar, und freundlich grüßend, froh lachend, streute sie den duftenden Inhalt ihres Wagens unter die Schaaren, die nicht müde wurden, aus voller Kehle ihrHoch" zu jauchzen.

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