A. G. von Suttner.
ei welchen Blumen soll ich beginnen? Bei jenen, die in reichen Guirlanden die Außenseite der Wagen nmrankten, — die, zu riesigen Sträußen vereint, an Stelle der Laternen prangten, — die, leuchtend im dunklen Tannenreisig oder Blattwerk vertheilt, duftende Lauben bildeten, oder in sarben- schillernden Kaskaden über die Rückseite der Wagen herabrieselten? — Nein, diesen Blüthen gebührt nicht der erste Platz; sie waren dem Tode geweiht, — sie bluteten und seufzten und hauchten unter den stürmischen Beifallsrufen der Menge ihren letzten Athemzug aus, — während ihre glücklicheren Schwestern, strahlend in den verschiedensten Farben zarter Frühlingskleider, das Lächeln der Lebensfreude auf den Lippen, an unseren kritischen Angen vorbeizogen und den Wienern die beruhigende Versicherung gaben, daß die herrlichsten Blumen, — die schönen Frauen und Mädchen Wiens nicht ausgestorben sind.
Wäre ich jünger, und fühlte ich mich berechtigt, über Frauenschönheit in leidenschaftliche Ekstase zu gerathen, ich müßte euch eine Hymne singen, all ihr Rosen, Veilchen, Maiglöckchen und — Vergißmeinnicht in Frauengestalt, allein die Laute muß ruhen, und — ihr braucht mich auch wahrscheinlich nicht, . . . der Spiegel sagt's euch ja zur Genüge, und am Troubadour wird es sicherlich auch nicht fehlen, der die Reize seiner Herrin schon längst besnngen und der Welt ihre Pracht verkündet hat! —
Blumencorso! Dieses Wort war in den letzten Tagen auf Aller Lippen, ohne daß man sich davon eine rechte Vorstellung machen konnte. Wohl hatten einzelne waghalsige Wiener, die sich schon einmal über Schönbrunn hinausgetraut, solchen Festlichkeiten im Lande der Blumencorso's, in Italien, beigewohnt, — aber für die große Masse enthielt das Wort einen ungekannten Zauber, auf dessen Lösung man vor Spannung förmlich zitterte. —
Schon am Morgen des ersten Festtages konnte man verschiedene Fiaker bemerken, deren Gespann und Wagen mit Blumen geschmückt, in stolzem
Schritt die Stadt durchfuhren, und diesen schon wurden laute Beifallsrufe zu Theil. „Der ist schön!" — „Bravo!" — „Vivat!" solche und andere Kundgebungen wurden laut uud verständißvoll blinzelnd nickte „der feschePolde" oder „derschneidige Franzl" von seinem erhabenen Sitze aus den Bewunderern zu und beantwortete wohl auch zeitweise die Zurufe mit einer drastischen Bemerkung, denn der Wiener Fiaker steht mit seinen Mitbürgern auf kameradschaftlichem Fuße, — er ist eiu Mitglied dieser eine Million Köpfe zählenden Familie, die in Freud und Leid gemeinschaftliche Sache zu machen gewohnt ist. —
Was aber eigentlich ein Blumencorso sei, das sollte man erst zu vorgerückter Nachmittagsstunde im Prater selbst erfahren. —
Schon um Mittag herum zogen die Karawanen aus: Tramway, — Dampfschiffe, — Eisenbahn beförderten jene Massen hinab, die ihre Glieder schonen wollten, um die ganze Kraft für das stundenlange Stehen und Umherrennen im Prater aufzubewahren. — Nichtsdestoweniger gab es auch förmliche Prozessionen von Fußgängern, welche theils freiwillig, theils gezwungen den weiten Marsch unternahmen. Die Wiener Tramway huldigt ja bekanntlich dem absolutistischen Prinzip, daß nicht sie zur Bequemlichkeit des Publikums da sei, sondern umgekehrt dieses zur Bequemlichkeit der Tramway; soweit die Waggons reichen, werden demnach diese vollgestopft (es fehlt nur noch die Einführung hydraulischer Pressen bei den einzelnen Wagen) — und die Fahrbedürftigen müssen, wenn sich eben kein Platz mehr für sie findet, einfach zu Fuße gehen, — so will es einmal der hohe Rath der löblichen Wiener Pferdebahn. Hin und wieder wagt Wohl die Behörde eine schüchterne Bemerkung, aber gefährlich ist's, den Len zu wecken, — der Krieg wird dann ohne Umstände erklärt und man möge sich im Auslande nicht wundern, wenn eines Morgens die Sensationsdepeschen über die Grenze laufen: „Die Tramway hat über die Stadt Wien den Belagerungszustand verhängt!"-