Heft 
(1.1.2019) 08
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Das Fest der Blumen i»i Wiener Prater.

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wenn ihn nicht gerade dringende Noth dazu zwingt,

nein, das bringt er nicht übers Herz!

Der Vortrag dauerte eine Stunde, dann sollte nach dem Programm das Damenfechten stattfinden. Es ist dies, wie mir scheint, speciell eine Wiener Erfindung, und dürfte manche prüde Natur zu einem Nasenrümpfen veranlassen, allein mit Unrecht, denn nach und nach wird sich die Frau dank derlei Kör­perübungen auf ihre eigenen Kräfte verlassen können, und nicht immer den Ritter brauchen, der sich mit Schwert und Herz ihrem Dienste weiht.

Diesmal wollte übrigens das bisher so beson­nen gebliebene Publikum sich nicht bändigen lassen; kaum hatte das Orchester einen Marsch intouirt, und kaum waren die graziösen Kämpferinnen auf der Wahlstatt erschienen, so ging das Gedränge gegen das Centrum der Rotunde los. Da half kein Bitten und Flehen von Seiten des Comitäs, unauf­haltsam drückten die Hinteren Reihen nach vorwärts, so daß endlich der Durchbruch unvermeidlich war, und der Fechtmeister gerade noch mit Mühe und Noth seine Schutzbefohlenen aus einer Lage befreien konnte, die leicht lebensgefährlich hätte werden können . . . Sie gingen knapp an mir vorbei, die jungen Fechterinnen, theils Empörung, theils Trauer auf den Mienen, daß die Vorstellung durch diese unliebsame Störung vereitelt worden war. Dafür sollte Ihnen am nächsten Tage volle Ge- nugthuung werden: man hatte über Nacht die Estrade erhöht, und dieselbe mit widerstandsfähigen Bar­rieren umgeben, und da konnten sie denn ihre ganze Grazie und Geschicklichkeit entfalten. Der Anblick war wirklich ein sehr gefälliger; die Behendigkeit und Geschwindigkeit waren bewunderungswürdig,

nicht weniger aber auch die äußere Erscheinung dieser jungen Damen. Freilich, nach puritanischen Begriffen wären die nur bis zum halben Knie reichenden Röllchen slloüinA gewesen, aber llonn/ sott gut inul P6N86; eines hübschen Wuchses hat sich noch Niemand zu schämen gebraucht, und die Fechtkleidung war immer noch weit deeeuter, als gewisse Seebadtoiletten, an denen Niemand etwas Anstößiges findet.

Jede Fechterin war vom Kopf bis zum Fuß in ihre Lieblingsfarbe gekleidet, was sich im Ensemble ganz reizend ausnahm.-

Eine volle Stunde hindurch zeigten die Kämpfe­rinnen ihre Fertigkeit mit Rapier und Säbel, dann zogen sie unter lautem Applaus ab, um den star­ken Männern von Wien das Feld zu räumen. Die Herren warfen mit Fässern und eisernen Riesen­kugeln nur so umher, als hätten sie Hutschachteln und Gummiballen in den Händen, es war eine Lust zu sehen, wie man mit Ausdauer und Geduld den Körper zu unglaublich scheinenden Dingen dienst­bar machen kann.

Nachdem diese Gigantenproduktion vorüber war, strömte die Menge, die nun wieder Hunger und Durst zu verspüren begann, aus der Rotunde hinaus, um sich über die verschiedenen Restaurants zu ergießen, und bald war kein freies Plätzchen mehr auszutreiben. Hiermit hatte das Programm des ersten Tages eigentlich seinen Abschluß gefun­den, und es war gerathen, sich bei Zeiten auf den Heimweg zu machen, um einen Theil der Kräfte für den kommenden Tag frisch zu erhalten. Dies­mal hatte die Tramway in einer Anwandlung von Wohlwollen einen wirklichen Train von Waggons entsandt, welche vom Ausstellungsplatz an bis zum oberen Ende der Praterstraße gereiht standen, aber es wäre trotzdem vergebliche Mühe gewesen, ein bequemes Unterkommen zu suchen, da die Wagen thatsächlich gestürmt wurden und im Nu mit einen Klumpen drängender Menschen angefüllt waren.

Am nächsten Vormittag brachte mich das Dampf­schiff an mein Ziel. Die Sonne brannte mit noch intensiverer Hitze, als gestern herunter, allein daran kehrte sich Niemand von den Sonntagsgästen. Das waren an diesem Tage abgehärtete Leute, welchen die Praterluft kühl schien im Vergleich zu den dampfgeschwängerten Fabriksälen oder den schatten­losen Exerzierplätzen.

An allen Ecken und Enden herrschten Lust und Freude: hier lagerten zahlreiche Familien im Grü­nen, um gemächlich das mitgebrachte Essen zu ver­zehren und dazu das von den Buscheuschenken her­beigeschaffte Bier in Massen zu vertilgen, dort lachten junge Pärchen der Glühhitze und tummelten sich unermüdlich zu den Walzerklängen der Militär- mnsik umher; weiter drüben tanzten ungarische Sol­daten ihren unvermeidlichen Czardas und rasteten nicht eher, als bis die Zigeuner erschöpft ihre In­strumente sinken ließen.

Bald ging wieder das allgemeine Hallvh los, als lustige Marschklänge durch den Wald hallten und der Hochzeitszug des Hainbacher Bauernvereins am Saume der Wiese sichtbar wurde. In zehn mit Tannen reisig geschmückten Wagen hielten sie ihren Einzug jeder Bursche sein Mädchen um die Taille haltend und seiner Herzensfreude durch laute Jodler Luft lassend. Rasch war das La­ger aufgeschlagen, daun wurden die mitgebrachten Proviantkarren ihres Inhalts entledigt und der Festschmauß begann.

Musik, Mädchen und Bier im Grünen! Mehr verlangt sich der Wiener nicht, um mit Ueberzeu- gung zu behaupten, daß er sich im Paradiese nicht besser fühlen könne. Diesen drei Faktoren muß die schlimmste Melancholie weichen, ein Strauß­scher Walzer, eine schlanke Taille und dazu der schäumende Gerstensaft, und alles Leid ist auf Stunden, oft auch für immer vergessen.