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A. G. von Suttner. Das Fest der Blumen im Wiener Prater.
Man mußte am zweiten Tage behend mit den Beinen sein, um an allen Sehenswürdigkeiten theil- zunehmen, die der Prater seinen Besuchern bot. Kaum hatte man sich ein wenig am lustigen Treiben der Bauern ergötzt, als es schon wieder hieß: „Ans, nach dem Trabrennplatz!" und nachdem man dort Gelegenheit gefunden, die Geschicklichkeit der Velocipedsahrer zu bewundern und die komischen Jntermezzo's während des Lauser- und Einspännerrennens zu belachen, als bereits die Stunde gekommen war, zu welcher das Concert des 1400 Mann starken Gauverbandes in der Rotunde angesagt war. Auch diese Sänger thaten wacker ihre Pflicht und ernteten wohlverdienten Beifall. — Dann folgte das diesmal gelungene Damenfechten, hierauf nochmals eine Produktion des Athletenclubs, — und nun verbreitete sich die Nachricht, daß eben die erste Rakete durch die Luft gesaust sei. —- Das war jetzt ein Dahinstürmen nach dem Feuerwerksplatz! Bekanntlich hat der Wiener Pyrotechniker Stuwer in der Regel das Unglück, zu Beginn seiner Vorstellung schon von einem Regengüsse heimgesncht zu werden, — heute sollte aber die Fürstin Metternich in allem und jedem Recht behalten: der Abend war prachtvoll, und bald stiegen die sprühenden Feuergarben zum schwarzen Nachthimmel empor.
Nach einer kurzen, mit Musikvorträgen ausgefüllten Pause zuckten die eiligen Irrlichter wieder hin und her, und mit einem Schlage glühte die Front in den riesigen Lettern: „Hoch Wien!" und „Hoch Wien!" riefen tausende von Kehlen in begeistertem Jubel zurück.
Allmählich erloschen die Fkämmchen, doch nicht aus lange; plötzlich leuchteten sie hell und farbenglitzernd in den Initialen des Kaiserhauses ans. Wieder stürmisches Rusen und Jauchzen, bis endlich der Aetna seinen ganzen Inhalt an Feuer hoch zum Himmel hinausspie. Das war das Schlußtableau, und alles rangirte sich nun in schönster Ordnung, um mit den verschiedenen Militärbanden an der
Spitze in einzelnen Abtheilungen den Marsch nach Hause auzutreten.
Als die Tausende und Tausende von Menschen endlich in die Hauptallee eiubogen, prangte diese im überraschenden Farbenschmuck der zahllosen Papierballons, die zwischen den Bäumen hingen, während rothes bengalisches Feuer die ganze Strecke mit grellem Abendroth erleuchtete. Aber auch die Heimkehrenden hatten sich vorgesehen, auch sie hielten farbige Papierlaternen in der Hand, oder brannten doch wenigstens bengalische Zündhölzchen ab, um das Ihrige zum würdigen Abschluß des Festes beizutragen. Im strammen Takt ging es unter den Marschklängen vorwärts, an den Restaurants vorüber, wo mau auch die Fronten mit allerlei künstlichen Feuerinschriften und Emblemen ausgestattet hatte.
Endlich laugte das Heer am Pratersteru an. Dort lösten sich die verschiedenen Abtheilungen auf, um den nächsten Weg nach Hause einzuschlagen, bevor man sich aber trennte, gedachte man noch der edlen Frau, der man all die genossene Lust und Freude verdankte, und das begeisterte Hoch, das der Fürstin dargebracht wurde, mußte wohl bis an die entferntesten Enden des Praters gedrungen sein.
Die Ziffer der Einnahme ist bis jetzt noch nicht bekannt, daß sie aber eine außergewöhnlich hohe sein wird, das unterliegt keinem Zweifel. Drei Wohl- thätigkeitsanstaltcn sollen damit zu gleichen Theilen bedacht werden: Die Poliklinik, das weiße Kreuz und die Seehospizien. Wieviele Segenswünsche armer Kranker werden wohl gleichzeitig mit dem Namen der Fürstin Metternich gemurmelt werden! Doch nicht allein der Dank der unmittelbar Betheiligten gebührt der ausgezeichneten Frau, nicht allein die Wiener werden ihren Namen mit Ehrfurcht nennen, denn die Zahl der Menschenfreunde ist zum Glück Legion, und sie Alle werden den Hut tief ziehen vor Jener, die ihre Nächstenliebe auf wahrhaft fürstliche Weise bethätigt hat.