Heft 
(1.1.2019) 08
Seite
361
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Eine Geschichte aus dem Eisah.*)

von

Anton Ohorn.

i.

war der St. Bertramstag. Er steht nicht MH angestrichen im Kalender nnd war auch sonst kein Feiertag für das Elsaß. Diesmal aber es war im Jahre des Heils 1460 feierte wenigstens in der Stadt Buchs Weiler jegliches Gewerbe und die Leute drängten sich im Feststaat in den Gassen, deren Häuser vielfach mit grünen Laubge­winden geschmückt waren. Von dem Schlosse und von den Wartthürmen über der grauen Stadtmauer wehten Fahnen in den Lichtenberger Farben und an dem Thore, das nach der Straße ging, die in's Badener Land führt, stand im dunklen Ehrenge- wande, eine güldene Schaumünze auf der Brust, der weißhaarige Stadtschultheiß Herr Ambrosius Vobacher und um ihn her die Rathsmannen.

Solch bewegtes Treiben war in Buchsweiler nicht gewesen, seit man vor mehr als Jahresfrist die gute Frau Jutta, Jakob des Bärtigen edles Weib, zur ewigen Ruhe geleitet, nur daß damals das Volk nicht laut redete und sang, sondern trüb dreinschaute und still vor sich hin weinte.

Heute gab es nur lustige und höchstens neu­gierige Gesichter, und der Himmel selbst schien seine Freude dran zu haben, denn von seinem blauen Grunde lachte der hellste goldene Sonnenschein in die engen Gassen, auf die spitzen Giebel, auf die hochragende Ehrenpforte an dem Aufgange zur Schloß­höhe und auf die Bürgerwiese, wo allerhand fah­rendes Volk, Gaukler und Spielleute, sich umher­trieb und Zelte errichtete für fröhliche Schaustellung.

Heute führte Herr Jakob der Bärtige, der auf dem Buchsweiler Schlosse saß, sein zweites Ehege­mahl heim und weil seine treuen Unterthauen ihn seines milden Herzens halber liebten, feierten sie sein Freudenfest mit, obwohl sie allzusammen nicht wußten, welcher edlen Sippe ihre neue Herrin ent­stammte und wie Herr Jakob zu ihr gekommen.

*) Der Chronik von Buchsweiler (Straßburg?) nach­erzählt.

II. 2

Dies Geheimnißvolle hatte aber seinen absonder­lichen Reiz zumal für die Frauen der guten Buchs­weiler, welche, ihr unmündiges Völkchen an den Rockfalten führend oder auf den Armen tragend, sich möglichst nahe an das Thor und an die in feierlicher Würde harrenden Rathsmannen drängten.

Jetzt schlugen die Glocken an und läuteten Hellen Gruß hinaus ins unterelsaß'sche Land, und die Leute in den Buchsweiler Gassen wurden stiller, drängten sich enger zusammen und die Zurückstehen­den reckten die Hälse schon lang zuvor, ehe noch der prächtige Zug hereinkam.

Durch das alte Thor, das seine Flügel weit aufgethan, ritt zunächst ein stattlicher Herold mit dem Lichtenberg'schen Banner, dann kamen acht be­rittene Edelknaben in reich geschmückten Sammet­wämsern und hinter diesen, von vier prächtigen Schimmeln gezogen, ein vergoldeter Galawagen, in dessen Polstern ein junges, blühend schönes Weib ruhte in reichen, schweren Brokatgewändern, dessen weißer Hals von schimmernden Edelsteinen blinkte, wie solche auch aus der dunklen Haarsluth mit grün­goldenem Schein herausleuchteten.

Unmittelbar zur Seite des Wagens ritt auf braunein, gvldgeschirrten Hengste Herr Jakob. Das graue Haar quoll spärlich aus dem federgeschmück­ten Sammethut; durch den mächtigen Bart, der dem Edelmanne seinen Beinamen gab, zogen sich dichte silberfarbige Flocken, die Haltung des Rei­ters war etwas gebückt, aber aus seinen milden, gutmüthigen Augen leuchtete es heute wie von jun­gem Glück. Hinter dem Wagen ritten zahlreiche Bewaffnete als Ehrengeleite.

Als der Zug nun innerhalb des Thorbogens anhielt, setzte sich das Weib höher in den Polstern zurecht und ließ den blitzenden Blick mit dem Aus­druck übermüthiger Lust über die entblößten und tief geneigten Häupter unter ihr hinstreisen.

Man hörte jetzt nichts als den lauten Glocken­klang und dazwischen die ernste, tiefe Stimme des Herrn Ambrosius Vobacher, der Herrn Jakob und

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