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Anton Ghorn.
seinem „erlauchten" Ehegemahl Gruß und Huldigung im Namen der getreuen Stadt Buchsweiler darbrachte.
Währenddem hatten aber die Bürgersfrauen sich immer näher herangedrängt und zumal eine von ihnen, jung und frisch wie die einziehende Herrin selbst, einen etwa zweijährigen pausbäckigen Buben auf dem Arme, hatte sich bis zu Herrn Ambrosius Vobacher durchgearbeitet, und just als dieser, im guten Glauben, daß es gar nicht anders sein könne, von der „erlauchten Abkunst" der Gefeierten sprach, stand Frau Kunigunde Bokel- mann neben ihm, als ob sie demnächst im Namen der Buchsweiler Frauen zu sprechen berufen wäre und schrie laut auf vor Ueberraschung:
„Das ist ja die Bärbel von Uttenheim!"
Das war, wie wenn ein Feuerbraud plötzlich vom Himmel herabgesahren wäre zwischen all die geputzten Leute. Das stolze, juuge Weib in dem Galawagen fuhr in den sammtenen Kissen empor, ihr hübsches Gesicht war purpurroth und wandte sich erschreckt und zornig zugleich nach Frau Kunigunde; diese aber war bereits von ihrem Eheliebsten, der unter den Rathsmaunen stand, bei beiden Armen ergriffen und unter die anderen Weiber hineingeschoben worden, welche sich voll brennender Neugier um sie schaarten und wenig mehr um die Rede des Herrn Vobacher kümmerten, der nur mühselig seinen Faden abhaspelte, sowie um die kurze Gegenantwvrt des gestrengen Herrn Jakob, der sichtlich mit Verdruß und Verlegenheit kämpfte.
Der Zug bewegte sich nun weiter, und während das dem Neuvermählten Paare zujauchzende Volk noch erstaunt war über das finstere, heiße Gesicht der jungen Frau, ging an dein Thore schon die Märe von Mund zu Mund, daß das neue Gespans Herrn Jakobs durchaus nicht aus edlem Blute stamme, sondern nicht mehr noch weniger als eine Baiierndirne sei, die in Uttenheim im Badener Land, wo auch Frau Kunigunde Bokelmann geboren, mit dieser weiland barfuß durch die Pfützen im Dorfe gelaufen sei und auf der Hutweide mit den Gänsen gespielt habe.
So ward auch nachmittags aus der Bürgerwiese erzählt, ohne daß darob dem Festjnbel ein Eintrag geschehen wäre und die fahrenden Leute ihre Säckel minder gefüllt hätten, obwohl auch die schöne Bärbel, wie man bereits Herrn Jakobs Weib nannte, wie mail verhasste, sich mit ihrem Gatten bei dem Volksfest nicht gezeigt hatte, und als die Abendschatten über die hohen Firste und Giebel hereindämmerten und die Bogenfenster im Schlosse zu leuchten begannen, da hatten schon die Spatzen in Buchsweiler sich hämisch die Geschichte von der Bärbel aus Uttenheim zugezwitschert.
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Frau Kunigunde Bokelmann hatte ganz recht gesehen. Herr Jakob hatte auf einem seiner einsamen Ritte durch Zufall die schöne Bärbel kennen gelernt; das frische, heitere Wesen der Dirne, die ihn vorerst für einen gewöhnlichen Reitersmann hielt, scheuchte ihm den Trübsinn von der Stirne, ihre znthunliche Art that dem liebebedürstigeu Herzen des alternden Mannes Wohl und so hob er rasch entschlossen den blinkenden Kiesel, den er so im Staube der Landstraße gefunden, auf, gab ihm eine güldene Fassung und legte ihn an sein Herz — aber einen Edelstein konnte er daraus drum nicht machen.
Am Tage nach dem Einzuge war Jedermann in Buchsweiler wieder an der gewohnten Arbeit, wenn da und dort auch einem Gesellen der Kopf noch etwas schwer war von dem reichlichen Ehrentrunk, welchen Herr Jakob gespendet hatte. Auch im Hause Meister Bokelmamüs, des wohlvermögen- den Taschners, das an der Ecke des Marktes stand und mit seinem zackigen Giebel recht trntzig und selbstbewußt dreinschaute, regten sich die fleißigen Hände der vier Gesellen, während der Meister selbst in der sauberen Wohnstube am Eichentische saß, seinen Buben aus den Knieen schaukelte und mit seinem Weibe den Mvrgenimbiß nahm. Er war ein Mann von etwa vierzig Jahren, hager und sehnig, mit einem guten, ehrlichen Gesicht, über welchem freilich ein Schatten von Verstimmung lag, den Frau Kunigunde eben bemüht war, hinwegzuplaudern.
„Du hast den Blick nicht gesehen, mit welchem sie Dich suchte, als Dil so mitten in die Rede Herrn Vobacher's hineiusielst," sprach ernst der Meister.
Frau Kunigunde aber erwiderte mit einem Lachen, das ihre hübschen weißen Zähne zeigte:
„Sie war eben verblüfft wie ich. Aber ^s ist doch wahrlich keine Schande, daß ihre Eltern nicht in einem Herreuschloß, sondern all der Nttenheimer Haide- in einem kleinen Bauerngehöst gesessen haben. Ist lnir's doch just auch nicht besser gegangen und ich erzähl's heute noch Jedem, der's hören will, daß ich manchmal zwischen Thau und Tag barfuß meines Vaters Kühe und Ziegen ausgetrieben und ein gar dummes Bauerndirnel war, als der hoch- angesehene Meister Valentin Bokelmann um mich freite und mich zur Frau Rnthsmännin von Buchs- Weiler machte — und das ist immerhin auch etwas."
Jetzt lächelte auch Herr Bokelmann:
„Dafür bist Du auch meine gute, verständige Gundel, aber andere Leute sind anders und mich düllkts, in die schöne Bärbel ist der Hochmuths- teufel gefahren und ihr wär^s lieber, hier in Buchsweiler keine Uttenheimer Jugendgesponsin getroffen zu haben."