Heft 
(1.1.2019) 10
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Robert Waldmüller.

lassen müssen, um uns so gut wie vor Zeiten zu gefallen.

Einstweilen hat's aber mit der Anstellung von Vergleichen noch gute Wege. Wir haben, um nach Böhmen hineinzukommen, eine Steigung von fast drittehalbhundert Meter zu überwinden, und so geht die Fahrt nur langsam, was uns übrigens erwünschte Gelegenheit zu lohnenden Um- und Aus­blicken gewahrt. Die Zschoppan und vor der Hand geht unsere Bergfahrt ihrem Laufe entgegen hat zwar ihren fesselndsten Reiz bereits unweit Wolkenstein uns enthüllt, zwischen dem genann­ten Städtchen und dem Floßplatz, dort, wo ein hoher alter Brückenbogen (die Heidelbacher Brücke) sie malerisch überwölbt, aber auch bis über Wiesenbad hinaus bleiben Tannenwald, saftiggrüne Hänge und überraschend wilde Felspartien ihr ge­treulich zur Seite, unter letztem der von den Wiesenbader Kurgästen fleißig besuchte Amethysten- bruch, der nach starken Regengüssen manch' werth- volles Gestein bis in die dann brausende Zschoppan hinabschwemmen sieht; ich selbst habe vor Jahren mehr davon zusammengelesen, als sich leichtlich sort- schaffen ließ. Will mail wissen, inwieweit Wiesen­bad neben Warmbad Wolkenstein als Kurort in Betracht zu ziehen ist, so sei dem ersteren nachge­rühmt, daß es, obschon ans weniger Gäste einge­richtet, diesen doch möglichst viel gesellschaftliche Annehmlichkeiten bietet, darunter ein Lesezimmer mit einiger Zeitungs-Auswahl, und daß es, als unmittelbar an der Eisenbahn gelegen, Ausflüge weiterer Art ohne viel Zeitverlust ermöglicht. Die als tägliche Fußwanderungen sich empfehlenden lohnenden Spaziergänge hat aber Warmbad Wol­kenstein in größerer Anzahl aufzuweisen und der Lärm und Rauch von Fabriken, deren sich Wiesen­bad nicht völlig erwehren kann, dringt nicht in den Frieden des Warmbads. Im klebrigen streiten sich die Gelehrten über den Werth oder Unwerth der wenigen Grade Wärme, durch welche Warmbad seine Concurrentin, die auch bereits auf eine lange Vergangenheit und ans ehemals landesfürstliche Begünstigungen znrückblickt, übertrifft. In beiden Orten haust sich's gilt.

Doch wir sind inzwischen scholl an dem großen lieblichen Dorfe Schönseld vorbeigerollt und haben Annaberg erreicht, die bedeutendste Stadt des obern Erzgebirges, wiederum hoch gelegen, so daß nur auf einer sich langsam bergan windenden Fahrstraße von der Station zur eigentlichen Stadt hinaus zu gelangen ist. Am Markt weist das Höhelimaaß denn auch schon 601 Meter Seehöhe ans. Der weithin als Wahrzeichen der Umgegend sichtbare Pöhlberg, ein langgestreckter bewaldeter Basaltberg, dem sich Annaberg voll fern angebaut hat, erreicht die Höhe von 832 Meter. Man weiß, daß die

Entstehung der Stadt bis in die letzten Jahre des 15. Jahrhunderts zurückgeführt wird und daß die Entdeckung von silberhaltigen Erzadern sie rasch in hohe Blüthe brachte. Im 16. Jahrhundert hatte die Stadt ihre eigene Münzstätte. Von dem Fund­ortam Schreckenberge" datirt für die dazumal ausgegebenen Münzen noch der NameSchrecken- berger". Damals, so wird erzählt, ging es den Annabergern so übermäßig gut, daß eine Bauer- srau, die an der ZecheHimmlisch Heer" Antheil hatte, täglich in eine Wanne stieg, die mit theurem Ungar-Wein gefüllt wurde; und andere Gewerkin- nen sollen's ihr nachgethan haben.Natürlich," so versicherte mein posamentelnder Gewährsmann, blieb der Zorn des Himmels nicht ans; anno 1604 brannten 700 Häuser nieder, einschließlich Kloster, Rathhaus, Schule und Hauptkirche, und anno 1630 wiederum 300 Häuser; dazu kamen die Nöthe des dreißigjährigen Krieges und zuletzt das Versagen der Silberadern,- waren Frau Barbara und Herr Einenkel nicht gewesen," so schloß er,ja mein lutester Herre, wo waren wir da?"

Frau Barbara Uttmanu, welche als Einführerin des Spitzenklöppelns ein Denkmal auf dem Anna- berger Friedhof hat und jetzt auch in der Stadt selbst eins erhielt, darf in der That für eine große Wohlthäterin der Gegend gelten, und es ist zu verwundern, daß unter den vieleil wohlwollenden Frauen, welche allerorts auch heute noch beflissen sind, ihre Zeit und ihre Kräfte im Dienste der Menschheit zu verwerthen, so wenige sind, deren Scharfsinn etwas gleich Praktisches und weithin Nützliches All erklügeln verstand. Gewiß würde die jetzt staatlich geförderte Hausindustrie in Deutschland sich weit rascher entwickeln, wenn Frauen voll Kopf und Herz ein oder das andere Fach des Hand- sertigkeitsunterrichts sich etwas aufmerksamer ans die Frage ansähen: in welcher Gegend wohl die müßig gehende Dorfjugend für ein solches Fach zu interessiren und sozusagen zu züchten wäre. Es giebt deren mit Ausnahme des Erzgebirges fast überall. Vielleicht setzt man das Thema in einem oder dem andern Fraueu-Vereine einmal auf die Tagesordnung. Wie günstig solche Anleitung zu lohnender Handfertigkeit auf Intelligenz lind Sitte wirkt, dem mag man daun im oberu Erzgebirge selbst einmal weiter nachforschen.

Aber wer war Einenkel? Nun, der hat die sogenannte Posamentirerei aus die Beine gebracht. Er hieß Georg, war in dem benachbarten Städtchen Buchholz geboren und führte jene jetzt über die Klöppelei noch hinausgewachsene Handfertigkeit, um die uns England und Amerika beneiden, zu Ende des 16. Jahrhunderts ein. Wir Männer gehen durch Annaberg's Straßen hindurch, ohne unsere Kenntniß auf diesem für die weibliche Bekleiduugs-