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Natur geworden ist. Indessen wird die Wissenschaft dereinst doch das letzte Wort behalten, und die Stimme der Wahrheit in immer weitere Kreise dringen.
Der Talmud wird richtig verstanden und gewürdigt werden, wenn man ihn als ein Produkt seiner Zeit betrachten und nicht als Eideshelfer für Anklage oder Vertheidigung benutzen wird. Dann wird das viele Gute und Interessante in ihm zum Vorschein kommen; während das Hässliche, Abstossende und Ungewöhnliche entweder als nebensächlich nicht in Betracht kommen oder des vielen Guten wegen mit in den Kaut genommen wird. Ein jeder, der sich mit dem geistigen Produkte der klassischen Welt beschäftigt, wird dieselbe Erfahrung machen, und kein unbefangener Beurtheiler dieser Epoche wird behaupten können, dass da Alles ohne Ausnahmen schön, edel und erhaben wäre. Man ist aber für das Schöne und Herrliche in dem klassischen Schrittthum dankbar empfänglich, während man alles Andere stillschweigend ausscheidet.
Ein sinniger Spruch findet sich im Talmud, der auf diesen selbst Anwendung finden kann. Von dem bereits in unserer Darstellung geschilderten Verhältniss des frommen und milden Rabbi Meir zu seinem Lehrer Rabbi Elischa b. Abuja, der als vom Judenthum abgefallen galt, wird gesagt: „Rabbi Meir habe eine süssschmeckende
Frucht, die in einer bittern Schale stak, gefunden; er verzehrte den guten Kern und warf die Schale weg“. Wie wir gesehen, hat dieser Lehrer niemals mit Missachtung und Wegwerfung von der guten Frucht gesprochen, weil er sie erst aus der bittern Schale herausholen musste; auch liess er sich