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Schürer hat in seinem grossangelegten Buche: „Geschichte des jüdischen Volkes zur Zeit Jesu Christi“ wohl nicht die ganze talmudische Litteratur, aber deren erste Quellen mit einer wohlthuenden Objektivität behandelt, von der nur zu wünschen wäre, dass sie Schule machte und Nachahmung fände. An Gründlichkeit lässt die Schürersche Arbeit, die auch sonst eine vorzüglich gelungene ist, nichts zu wünschen übrig.
In dem Geistes- und Kulturleben der Juden- heit hat die „mündliche Lehre“, deren Entstehung und Entwickelung wir hier kennen gelernt haben, eine bedeutende Rolle gespielt. Es wäre unrichtig, behaupten zu wollen, dass das nachbiblische Judenthum nur auf dem Talmud beruhe; so einseitig hat es sich doch nicht entwickelt, und zu verschiedenen Zeiten hat es in ihm Erscheinungen gegeben, die nicht nur dem Talmud fremd blieben, sondern züweilen ihn sogar sehr heftig bekämpften. In so gerader Linie ist eben die Entwickelung des Judenthums seit der Rückkehr des jüdischen Volkes aus dem babylonischen Exil nicht vor sich gegangen, wie gemeinhin angenommen wird. Nichtsdestoweniger ist die talmudische Litteratur das Wesentliche in der jüdischen Kulturgeschichte, und bei der Bedeutung Israels und des Judenthums in der Geschichte wird man sich zu einer genauen, wissenschaftlichen und unbefangenen Erforschung des Talmuds entschliessen müssen, w r ill man sich nicht mit einem absprechenden Urtheil zufrieden geben, das nicht Gerechtigkeit und Wahrheitsliebe, sondern Hass und Parteileidenschaft diktiren. Es ist freilich schwer Unbefangenheit und Unparteilichkeit zu predigen, wo auf beiden Seiten das Gegentheil fast zur zweiten