F. WIENKE, KLEINOW
Sitten und Gebräuche
bei einer Prignitzer Bauernhochzeit um die Jahrhundertwende
Fortsetzung
Am Freitagmorgen begann der eigentliche Hochzeitstag mit großer Blasmusik um 8 Uhr. Kapellen bis 20 Personen waren die Regel. Ein Choral vor dem Haus der Braut und dann zwei Ständchen. Dasselbe mußten die Musiker vor dem Haus des Bräutigams wiederholen. Dann mußten alle Musiker frühstücken, denn von 9 Uhr ab rollten die auswärtigen Hochzeitsgäste mit ihren Kutschwagen an. Sie wurden mit einem Ständchen begrüßt. Erst dann fuhren sie in ihre Quartiere. Hier zogen sie sich schnell um und gingen dann zum „Röstwerkäten“. Dazu gab es dann schon Korn aus „Halfpundsgläsern“! Gegen 12 Uhr versammelte sich dann die Jugend in ihrem besten Staat zum „Brutaffhol’n“. Mit Musik wurde vor das Haus der Brauteltern gezogen, nachdem vorher die Paare von einem der Hochzeitsbitter zusammengestellt wurden und wobei die Jungen den Mädchen einen Blumenstrauß zu überreichen hatten. Die Hochzeitsbitter und Brautmädchen gingen nun in das Elternhaus der Braut „tum affhol’n“. Die Musik spielte noch drei kurze Stücke, die Paare bildeten Spalier, und dann erschien, begleitet von den Hochzeitsbittern, die Braut schon in Kranz und Schleier. Kleine Mädchen streuten Blumen, und ebensolche trugen die Schleppe. Nun ging es im flotten Marsch zum Hochzeitshaus. Die Braut wurde in der Tür dem jungen Ehemann übergeben, der sie mit einem Kuß (zum ersten Mal in der Öffentlichkeit) und dem Brautstrauß begrüßte. Im Haus selbst wurde die junge Frau dann nochmals von den Schwiegereltern begrüßt. Das Spalier draußen war noch durch die Verheirateten verstärkt worden, und unter dem Geläut der Glocken und mit Musik setzte sich der Hochzeitsmarsch zur Kirche in Bewegung, nachdem das junge Paar das Spalier durchschritten hatte. Durch das Hauptportal wurde die Kirche betreten, nachdem der Pfarrer das Paar vor der Kirche begrüßt hatte. Die jungen Leute standen während der Trauung, die Alten saßen
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