Frau Jenny Treibel.
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kann, denn er hat sich ja nich selber gemacht, un der Mensch is am Ende wie er is. Nein, Corinna, nu wollen wir ernsthast werden. Und wenn meinst Du denn, daß es los geht oder in die Zeitung kommt? Morgen?"
„Nein, liebe Schmolle, so schnell geht es nicht. Ich muß ihn doch erst seh'n und ihm einen Kuß geben . .
„Versteht sich, versteht sich. Eher geht es nich . .
„Und dann muß ich doch auch dem armen Leopold erst abschreiben. Er hat mir ja erst heute wieder versichert, daß er für mich leben und sterben will . . ."
„Ach Jott, der arme Mensch."
„Am Ende ist er auch ganz froh ..."
„Möglich is es."
4 *
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Noch am selben Abend, wie sein Brief es angezeigt, kam Marcell und begrüßte zunächst den in seine Zeitungslectüre vertieften Onkel, der ihm denn auch — vielleicht weil er die Verlobungsfrage für erledigt hielt — etwas zerstreut und das Zeitungsblatt in der Hand mit den Worten entgegentrat: „Und nun fage, Marcell, was sagst Du dazu? Summus Episcopus . . . Der Kaiser, unser alter Wilhelm, entkleidet sich davon, und will es nicht mehr, und Kögel wird es. Oder vielleicht Stöcker. . ."
„Ach, lieber Onkel, erstlich glaub' ich es nicht. Und dann, ich werde ja doch schwerlich im Dom getraut werden . . ."
„Hast Recht. Ich habe den Fehler aller Nicht-Politiker, über einer Sensationsnachricht, die natürlich hinterher immer falsch ist, alles Wichtigere zu vergessen. Corinna sitzt d'rüben in ihrem Zimmer und wartet auf Dich, und ich denke mir, es wird Wohl das Beste sein, Ihr macht es untereinander ab; ich bin auch mit der Zeitung noch nicht ganz fertig, und ein Dritter geniert bloß, auch wenn es der Vater ist."
Corinna, als Marcell eintrat, kam ihm herzlich und freundlich entgegen, etwas verlegen, aber doch zugleich sichtlich gewillt, die Sache nach ihrer Art zu behandeln, also so wenig tragisch wie möglich. Von drüben her fiel der Abendschein ins Fenster, und als sie sich gesetzt hatten, nahm sie seine Hand und sagte: „Du bist so gut, und ich hoffe, daß ich dessen immer eingedenk sein werde. Was ich wollte, war nur Thorheit."
„Wolltest Du's denn wirklich?"
Sie nickte.
„Und liebtest ihn ganz ernsthaft?"
„Nein. Aber ich wollte ihn ganz ernsthaft heirathen. Und mehr noch, Marcell, ich glaube auch nicht, daß ich sehr unglücklich geworden wäre, das liegt nicht in mir, freilich auch Wohl nicht sehr glücklich. Aber wer ist glücklich? Kennst Du wen? Ich nicht. Ich hätte Malstunden genommen und vielleicht auch Reitunterricht, und hätte mich an der Riviera mit ein paar englischen Familien angefreundet, natürlich solche mit einer Pleasure-Pacht, und wäre mit ihnen nach Corsica oder nach Sicilien gefahren, immer der Blutrache nach.