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Deutsche Rundschau.
Denn ein Bedürsniß nach Aufregung würd' ich doch Wohl zeitlebens gehabt haben; Leopold ist etwas schläfrig. Ja, so hätt' ich gelebt."
„Du bleibst immer dieselbe und malst Dich schlimmer als Du bist."
„Kaum; aber freilich auch nicht besser. Und deshalb glaubst Du mir Wohl auch, wenn ich Dir jetzt versich're, daß ich froh Lin, aus dem Allen heraus zu sein. Ich habe von früh an den Sinn für Äußerlichkeiten gehabt und Hab' ihn vielleicht noch, aber seine Befriedigung kann doch zu theuer erkauft werden, das Hab' ich jetzt einsehen gelernt."
Marcell wollte noch einmal unterbrechen, aber sie litt es nicht.
„Nein, Marcell, ich muß noch ein paar Worte sagen. Sieh', das mit dem Leopold, das wäre vielleicht gegangen, warum am Ende nicht? Einen schwachen, guten, unbedeutenden Menschen zur Seite zu haben, kann sogar angenehm sein, kann einen Vorzug bedeuten. Aber diese Mama, diese furchtbare Frau! Gewiß, Besitz und Geld haben einen Zauber, wär' es nicht so, so wäre mir meine Verirrung erspart geblieben; aber wenn Geld Alles ist, und Herz und Sinn verengt und zum Ueberfluß Hand in Hand geht mit Sentimentalität und Thränen — dann empört sich's hier, und das hinzunehmen, wäre mir hart angekommen, wenn ich's auch vielleicht ertragen hätte. Denn ich gehe davon aus, der Mensch
in einem guten Bett und in guter Pflege kann eigentlich viel ertragen."
* *
Den zweiten Tag danach stand es in den Zeitungen, und zugleich mit den öffentlichen Anzeigen trafen Karten ein. Auch bei Commerzienraths. Treibel, der, nach vorgängigem Einblick in das Couvert, ein starkes Gefühl von der Wichtigkeit dieser Nachricht und ihrem Einfluß auf die Wiederherstellung häuslichen Friedens und passabler Laune hatte, säumte nicht, in das Damenzimmer hinüberzugehen, wo Jenny mit Hildegard frühstückte. Schon beim Eintreten hielt er den Brief in die Höhe und sagte: „Was kriege ich, wenn ich Euch den Inhalt dieses Briefes mittheile?"
„Fordere," sagte Jenny, in der vielleicht eine Hoffnung dämmerte.
„Einen Kuß."
„Keine Albernheiten, Treibel."
„Nun, wenn es von Dir nicht sein kann, dann wenigstens von Hildegard."
„Zugestanden," sagte diese. „Aber nun lies."
Und Treibel las: „Die am heutigen Tage stattgehabte Verlobung meiner Tochter . . ." ja, meine Damen, welcher Tochter? Es gibt viele Töchter. Noch einmal also, rathet. Ich verdoppele den von mir gestellten Preis .. . also „meiner Tochter Corinna mit dem vr. Marcell Wedderkopp, Oberlehrer und Lieutenant der Reserve im brandenburgischen Füsilier-Regiment Nr. 35, habe ich die Ehre, hiermit ganz ergebenst anzuzeigen, vr. Wilibald Schmidt, Professor und Oberlehrer am Gymnasium zum Heiligen Geist."
Jenny, durch Hildegard's Gegenwart behindert, begnügte sich, ihrem Gatten einen triumphirenden Blick zuzuwerfen, Hildegard selbst aber, die sofort wieder auf Suche nach einem Formfehler war, sagte nur: „Ist das Alles? So viel ich weiß, Pflegt es Sache der Verlobten zu sein, auch ihrerseits noch ein Wort zu sagen. Aber die Schmidt-Wedderkopps haben am Ende darauf verzichtet."