Heft 
(1892) 71
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Frau Jenny Treibel.

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Doch nicht, theure Hildegard. Auf dem zweiten Blatt, das ich unter­schlagen habe, haben auch die Brautleute gesprochen. Ich überlasse Dir das Schriftstück als Andenken an Deinen Berliner Aufenthalt und als Beweis für den allmäligen Fortschritt hiesiger Culturformen. Natürlich stehen wir noch eine gute Strecke zurück, aber es macht sich allmälig. Und nun bitt' ich um meinen Kuß."

Hildegard gab ihm zwei und so stürmisch, daß ihre Bedeutung klar war.

Dieser Tag bedeutete zwei Verlobungen.

* *

Der letzte Sonnabend im Juli war als Marcell's und Corinna's Hochzeits­tag angesetzt worden;nur keine langen Verlobungen," betonte Wilibald Schmidt, und die Brautleute hatten begreiflicherweise gegen ein beschleunigtes Verfahren nichts einzuwenden. Einzig und allein die Schmolle, die's mit der Verlobung so eilig gehabt hatte, wollte von solcher Beschleunigung nicht viel wissen und meinte, bis dahin sei ja bloß noch drei Wochen, also nur gerade noch Zeit genug, um dreimal von der Canzel zu fallen," und das ginge nicht, das sei zu kurz, darüber redeten die Leute; schließlich aber gab sie sich zufrieden oder tröstete sich wenigstens mit dem Satze: geredet wird doch.

Am siebenundzwanzigsten war kleiner Polterabend in der Schmidt'schen Wohnung, den Tag darauf Hochzeit im Englischen Hause. Prediger Thomas traute. Drei Uhr fuhren die Wagen vor der Nikolaikirche vor, sechs Brautjungfern, unter denen die beiden Kuh'schen Kälber und die zwei Felgentreu's waren. Letztere, wie schon hier verrathen werden mag, Verlobten sich in einer Tanzpause mit den zwei Referendarien vom Quartett, denselben jungen Herren, die die Halensee- Partie mitgemacht hatten. Der natürlich auch geladene Jodler wurde von den Kuh's heftig in Angriff genommen, widerstand aber, weil er, als Eckhaussohn, an solche Sturmangriffe gewöhnt war. Die Kuh'schen Töchter selbst fanden sich ziemlich leicht in diesen Echecer war der Erste nicht, er wird der Letzte nicht sein," sagte Schmidt und nur die Mutter zeigte bis zuletzt eine starke Verstimmung.

Sonst war es eine durchaus heitere Hochzeit, was zum Theil damit zu­sammenhing, daß man von Anfang an Alles auf die leichte Schulter genommen hatte. Man wollte vergeben und vergessen, hüben und drüben, und so kam es denn auch, daß, um die Hauptsache vorweg zu nehmen, alle Treibel's nicht nur geladen, sondern mit alleiniger Ausnahme von Leopold, der an demselben Nach­mittage nach dem Eierhäuschen ritt, auch vollzählig erschienen waren. Allerdings hatte die Commerzienräthin anfänglich stark geschwankt, ja, sogar von Taktlosig­keit und Affront gesprochen, aber ihr zweiter Gedanke war doch der gewesen, den ganzen Vorfall als eine Kinderei zu nehmen und dadurch das schon hier und da laut gewordene Gerede der Menschen auf die leichteste Weise todt zu machen. Bei diesem zweiten Gedanken blieb es denn auch; die Räthin, freundlich-lächelnd wie immer, trat in xontiüealidus aus und bildete ganz unbe­stritten das Glanz- und Repräsentationsstück der Hochzeitstafel. Selbst die Honig und die Wülsten waren auf Corinna's dringenden Wunsch eingeladen worden; erstere kam auch, die Wulften dagegen entschuldigte sich brieflich,weil sie Lizzi,