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Deutsche Rundschau.
das süße Kind, doch nicht allein lassen könne." Dicht unter der Stelle „das süße Kind" war ein Fleck, und Marcell sagte zu Corinna: „Eine Thräne, und ich glaube, eine echte." Von den Professoren waren, außer den schon genannten Kuh's, nur Distelkamp und Rindfleisch zugegen, da sich die mit jüngerem Nachwuchs Gesegneten sämmtlich in Kösen, Ahlbeck und Stolpemünde befanden. Trotz dieser Personal-Einbuße war an Toasten kein Mangel; der Distelkamp'sche war der beste, der Felgentreu'sche der logisch ungeheuerlichste, weshalb ihm ein hervorragender, vom Ausbringer allerdings unbeabsichtigter Lacherfolg zu Theil wurde.
Mit dem Herumreichen des Confects war begonnen, und Schmidt ging eben von Platz zu Platz, um den älteren und auch einigen jüngeren Damen allerlei Liebenswürdiges zu sagen, als der schon vielfach erschienene Telegraphenbote noch einmal in den Saal und gleich danach an den alten Schmidt herantrat. Dieser, von dem Verlangen erfüllt, den Ueberbringer so vieler Herzenswünsche schließlich Wie den Goethe'schen Sänger königlich zu belohnen, füllte ein neben ihm stehendes Becherglas mit Champagner und kredenzte es dem Boten, der es, unter vorgängiger Verbeugung gegen das Brautpaar, mit einem gewissen avoe leerte. Großer Beifall. Dann öffnete Schmidt das Telegramm, überflog es und sagte: „Vom stammverwandten Volk der Briten."
„Lesen, lesen."
„. . . To I)r. NareoU ^oääorüoM."
„Lauter."
„kwg'lanä oxpoets timt every man nUI cio dis äutv . . . Unterzeichnet ckoim Nelson."
Im Kreise der sachlich und sprachlich Eingeweihten brach ein Jubel aus, und Treibel sagte zu Schmidt: „Ich denke mir, Marcell ist Bürge dafür."
Corinna selbst war ungemein erfreut und erheitert über das Telegramm, aber es gebrach ihr bereits an Zeit, ihrer glücklichen Stimmung Ausdruck zu geben, denn es war acht Uhr, und um neuneinhalb Uhr ging der Zug, der sie zunächst bis München und von da nach Verona oder, wie Schmidt mit Vorliebe sich ausdrückte, „bis an das Grab der Julia" führen sollte. Schmidt nannte das übrigens Alles nur Kleinkram und „Vorschmack", sprach überhaupt ziemlich hochmüthig und orakelte, zum Aerger Kuh's, von Messenien und dem Taygetos, darin sich gewiß noch ein paar Grabkammern finden würden, wenn nicht von Aristomenes selbst, so doch von seinem Vater. Und als er endlich schwieg und Distelkamp ein vergnügtes Lächeln über seinen mal wieder sein Steckenpferd tummelnden Freund Schmidt zeigte, nahm man wahr, daß Marcell und Corinna den Saal inzwischen verlassen hatten.
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Die Gäste blieben noch. Aber gegen zehn Uhr hatten sich die Reihen doch stark gelichtet; Jenny, die Honig, Helene waren ausgebrochen, und mit Helene natürlich auch Otto, trotzdem er gern noch eine Stunde zugegeben hätte. Nur der alte Commerzienrath hatte sich emancipirt und saß neben seinem Bruder Schmidt, eine Anekdote nach der andern aus dem „Schatzkästlein deutscher Nation" hervorholend, lauter blutrothe Karfunkelsteine, von deren „reinem Glanze" zu sprechen, Vermessenheit gewesen wäre. Treibel, trotzdem Goldammer fehlte, sah