Heft 
(1892) 71
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Frau Jenny Treidel.

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sich dabei von verschiedenen Seiten her unterstützt, am ausgiebigsten von Adolar Krola, dem denn auch Fachmänner wahrscheinlich den Preis zuerkannt haben würden.

Längst brannten die Lichter, Cigarrenwölkchen kräuselten sich in großen und kleinen Ringen, und junge Paare zogen sich mehr und mehr in ein paar Saal­ecken zurück, in denen ziemlich unmotivirt, vier, fünf Lorbeerbäume zusammen­standen und eine gegen Profanblicke schützende Hecke bildeten. Hier wurden auch die Kuh'schen gesehen, die noch einmal, ^vielleicht auf Rath der Mutter, einen energischen Vorstoß auf den Jodler unternahmen, aber auch diesmal umsonst. Zu gleicher Zeit klimperte man bereits auf dem Flügel, und es war sichtlich der Zeitpunkt nahe, wo die Jugend ihr gutes Recht beim Tanze behaupten würde.

Diesen gefahrdrohenden Moment ergriff der schon vielfach mitDu" und Bruder" operirende Schmidt mit einer gewissen Feldherrngeschicklichkeit und sagte, während er Krola eine neue Cigarrenkiste zuschob:Hören Sie, Sänger und Bruder, earpa äwm. Wir Lateiner legen den Accent auf die letzte Silbe. Nutze den Tag. Ueber ein Kleines und irgend ein Clavierpauker wird die Ge- sammtsituation beherrschen und uns unsere Ueberslüssigkeit fühlen lassen. Also noch einmal, was Du thun willst, thue bald. Der Augenblick ist da; Krola, Du mußt mir einen Gefallen thun und Jenny's Lied singen. Du hast es hundert Mal begleitet und wirst es Wohl auch singen können. Ich glaube, Wagner'sche Schwierigkeiten sind nicht drin. Und unser Treibel Wird es nicht übel nehmen, daß wir das Herzenslied seiner Eheliebsten in gewissem Sinne profaniren. Denn jedes Schaustellen eines Heiligsten ist das, was ich Profamrung nenne. Hab' ich Recht, Treibel, oder täusch' ich mich in Dir? Ich kann mich in Dir nicht täuschen. In einem Manne wie Du kann man sich nicht täuschen. Du hast ein klares und offnes Gesicht. Und nun komm, Krola.Mehr Licht" das war damals ein großes Wort unseres Olympiers; aber wir bedürfen seiner nicht mehr, wenigstens hier nicht, hier sind Lichter die Hülle und Fülle. Komm. Ich möchte diesen Tag als ein Ehrenmann beschließen und in Freundschaft mit aller Welt und nicht zum wenigsten mit Dir, mit Adolar Krola."

Dieser, der an hundert Tafeln wetterfest geworden und im Vergleich zu Schmidt noch ganz leidlich im Stande war, schritt, ohne langes Sträuben, auf den Flügel zu, während ihm Schmidt und Treibel Arm in Arm folgten, und ehe der Rest der Gesellschaft noch eine Ahnung haben konnte, daß der Vortrag eines Liedes geplant war, legte Krola die Cigarre bei Seite und hob an:

Glück, von allen Deinen Losen Eines nur erwähl' ich mir,

Was soll Gold? Ich liebe Rosen Und der Blumen schlichte Zier.

Und ich höre Waldesrauschen,

Und ich seh' ein flatternd Band

Aug' in Auge, Blicke tauschen Und ein Kuß auf Deine Hand.

Geben, nehmen, nehmen, geben,

Und Dein Haar umspielt der Wind,

Ach, nur das, nur das ist Leben,

Wo sich Herz zum Herzen find't.

Deutsche Rundschau, xvm. 7. 3