Zur Schulgesetzgebung.
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Woran die gesunkene und leidende Menschheit von Zeit zu Zeit sich immer wieder emporgearbeitet hat; und indem man ihr diese Wirkung zugesteht, ist sie über aller Philosophie erhaben und bedars von ihr keiner Stütze. Mag die geistige Cultur nur immer sortschreiten, der menschliche Geist sich erweitern, wie er will; über die Hoheit und sittliche Cultur des Christenthums wird er nicht hinauskommen."
Und dies Gefühl, diese Ueberzeugung ist in der Mehrzahl unserer Zeitgenossen lebendig. Aber freilich wird die Wirkung dieser Ueberzeugung abgeschwächt, ja fast vernichtet durch die Zerfahrenheit und Zerrissenheit, die in der Auffassung der christlichen Lehre herrscht. Ein Theil der Nation unterwirft sich blindlings der durch die höchste kirchliche Autorität vorgefchriebenen amtlichen Form. Im Gehorsam gegen das kirchlich geheiligte Dogma fühlt das Herz sich beglückt. An diesem Glück sollen alle theilnehmen. Aber wie können sie dies, seit Luther die Gewissen geweckt und das allgemeine Priesterthum wieder erstehen ließ? Allerdings nur in der Idee. Denn in Wirklichkeit heißt es trotz Synode und Kirchengemeindevorstand: Nulier et vir taeeant in eeelesia! Das Wort führt das Consistorium, der Kirchenrath, oder wie sonst die oberste Kirchenbehörde sich nennt, mit den Pastoren, denen nur zu oft die Heeresfolge mangelt. Damit ist wiederum ein Theil einverstanden. Sie unterwerfen sich gern der höheren Weisheit und weisen ihr Gewissen, falls es sich einmal regen sollte, zur Ruhe. Denn was sollte aus der Kirche werden, so sagen sie sich, wenn jeder einzelne sein eigenes Glaubensbekenntniß sich bauen und nur in ihm leben wollte?
Wenn es nur so wäre! Die Kirche würde dabei herrlich bestehen. Aber freilich eine Kirche, die zu scheiden wüßte das Wesentliche vom Nebensächlichen und das Notwendige vom Zufälligen; die den Geistern Freiheit gewährte und sie gerade dadurch an sich zöge. Hält aber die Kirche starr fest an dem Ueber- lieferten, d. h. an den durch das Mittelalter und die Reformation geschaffenen Formen, ohne zu berücksichtigen, wie eine mächtige Weiterentwicklung im Denken erfolgt ist, die nicht mit den amtlichen Formen sich deckt, so ist nicht zu verwundern, wie ein Riß durch die Evangelischen geht, der auf der einen Seite ein kleines Häuflein zeigt, das in den überlieferten Formeln sich glücklich fühlt und seinen Frieden gefunden, auf der anderen eine große Masse derer, die voller Zweifelsucht alle Qualen durchkostet, die eine Zeit des Uebergangs zu bereiten pflegt, oder voller Lauheit in übel verstandenem Liberalismus sich längst abgewendet hat von allem religiösen Fühlen und Denken.
Aber ohne Zweifel beginnt sich jetzt bei ihnen ein dunkler Drang zu regen nach Aenderung; es beginnt die Ahnung zu dämmern, daß das Heil unserer Cultur von einer gründlichen Erneuerung des religiösen Lebens abhänge. Noch wissen sie nicht, woher diese Erneuerung kommen solle, aber darin treffen sich Alle, daß sie sich gegen alle und jede Versuche wenden, die davon ausgehen, daß die hergebrachten amtlichen Formen des Christenthums sich noch nicht überlebt hätten, sondern daß sie nur mit rechtem Geiste erfaßt werden müßten, um ihre unvergleichlichen Wirkungen von sich ausströmen zu lassen, Wirkungen, die noch jetzt viele an sich in so reichem Maße erführen. Aber Wohlthaten können nicht aufgedrungen werden. Wo es geschieht, werden sie nur zu oft als Wehethaten