Heft 
(1892) 71
Seite
38
Einzelbild herunterladen

38

Deutsche Rundschau.

empfunden. Neuerdings nun mehren sich die Versuche, den Geist des Christen- thums in neue Formen zu gießen, die von dem fortgeschrittenen Denken kein fortwährendes saeriüeium intellsetns verlangen. Aber es sind nur Versuche, durch die die Rathlosigkeit der Zeit um nichts verringert wird. Die Taschen­spielerkünste mancher sogenannter liberaler Theologen aber, die zwar den ganzen Apparat kirchlicher Orthodoxie dem Namen nach beibehalten, aber irgend etwas Beliebiges darunter verstehen, wenn es auch das Ergebniß des größten Scharf­sinnes ist, locken kein Publicum mehr an; man ist ihrer gründlich satt. Denn man strebt nach einem starken, idealen Glauben, der als einigender, Alles beseelen­der Mittelpunkt unserem geistigen Gesammtleben wieder innere Einheit, Größe und freudige Sicherheit verleihen könnte.

Und in dieser Zeit innerer Zerfahrenheit, lähmender Unruhe und Unbefriedigt­seins, starker religiöser Gegensätze und socialen Klassenhasses unternimmt man es, ein Schulgesetz mit den denkbar schärfsten consessionellen Zügen zu entwerfen? Wahrlich ein kühnes Unternehmen, das scheitern muß, wenn man nicht einen gemeinsamen Boden der Verständigung findet. Daß und wie ein solcher denkbar ist, soll am Schluffe dieses Aufsatzes gezeigt werden. Von Scheitern aber können wir auch dann reden, wenn der Entwurf durch eine kleine Majorität Gesetz ge­worden ist. Denn indem er einem Theile gerecht wird, vergewaltigt er einen anderen Theil der Nation, dessen Ueberzeugungen ihm ebenso heilig sind, wie dem Gegner die seinen. Infolgedessen wird ein Kampf hervorgerufen, der die geistigen Güter der Nation abermals aufs Empfindlichste zu schädigen droht.

Der Gedanke der Vergewaltigung scheint aber den geistigen Urhebern des Gesetzentwurfs überhaupt nicht gekommen zu sein. In voller Ueberzeugung. daß mit ihm das wahre Wohl des Volkes gefördert werde, daß er trotz allen Wider­spruches wie kein anderer geeignet sei, die idealen Mächte des Volkslebens zu stärken und ihnen zum Sieg zu verhelfen, werden die Vertheidiger blind gegen die Wahre Sachlage. Sie übersehen vor Allem, daß auf der Gegenseite auch Ueber­zeugungen stehen, die allerdings auf anderem Boden gewachsen sind und zu an­deren Ergebnissen hinführen. Sie wissen nichts oder wollen nichts wissen von der Weiterbewegung im Denken, die bei voller Aufrechterhaltung der religiösen Grundlagen allerdings über gewisse kirchliche Lehrbegriffe weit hinausgegriffen hat. Und nun erleben wir das merkwürdige Schauspiel, daß der zurückgebliebene Standpunkt den vorangeeilten zurückholen, oder wenn dieser dem Befehl zu ge­horchen keine Lust hat, ihn als atheistisch brandmarken will. Dabei wird voll­ständig das Wort Friedrich's des Großen vergessen:Es gibt kein Gefühl, das von unserem Wesen so unzertrennlich wäre, als das der Freiheit." Die gegen­wärtigen Regiernngsvertreter in Preußen scheinen keine Würdigung dafür zu be­sitzen, was in der Volksseele vorgeht, welche Stärke das Gefühl für freie Be­wegung bei aller Anerkennung nothwendiger Schranken erreicht hat. Aber aller­dings ist man bei den Oberen der Meinung, daß das Volk für die geforderte freie Bewegung noch nicht reif sei. Dieser Meinung liegt ein geistiger Hochmuth zu Grunde, der sich bereits bitter genug gerächt hat. Denn die Ansicht, nach welcher der Mensch erst mit einer bestimmten Rang- oder Vermögensstnfe beginnt, alles darunter Befindliche aber für Gesindel zweifelhaften Werthes gilt, trägt ohne