Heft 
(1892) 71
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Deutsche Rundschau.

mehr, als dies bisher schon der Fall war. lind das soll die Wirkung eines Schulgesetzes sein, das berufen ist, die Bildung des Volkes zu fördern?

Da müssen alle, die eine Glaubenserneuerung allein durch die Gewissens­freiheit, allein durch eigene innerste That des Menschen erhoffen, in den alten evangelischen Ruf ausbrechen: Wir protestiren!

Aber noch eine zweite merkwürdige Erscheinung tritt in der Gegenwart her­vor. Der Protestruf ermangelt heute der Einmüthigkeit, darum ist seine Wirkung eine abgeschwächte. Er richtet sich nicht nur gegen die Autoritätskirche, sondern zugleich gegen einen Theil des evangelischen Volkes, der die evangelische Fahne verlassen hat und dem Gewissenszwang zustimmt.

Wie ist diese betrübende Thatsache zu erklären? Wir denken auf folgende Weise. Nach Aufhebung des Socialistengesetzes festigte sich immer mehr der Ge­danke, daß gegen geistige Strömungen nur geistige Waffen anzuwenden sind; daß innere Ueberzeugungen niemals durch Machtsprüche oder durch äußere Macht­mittel auszurotten sind, es sei denn, daß das Volk ein Haufe von Knechten und Sklaven wäre.

Aber die geistigen Waffen sind verschiedener Art. Welches sind die schneidigsten? In weiten Kreisen ist die Ueberzeugung verbreitet, daß mit Humanität und all­gemeiner Menschlichkeit gegen revolutionäre Strömungen nichts ausgerichtet wer­den könne; nur eine aus ein entschiedenes Bekenntniß gestützte Religiosität könne heutzutage hier wirksam und helfend eingreifen. Nun geben wir ohne Weiteres zu, daß den Prüfungen und Gefahren, die eine im Innern wühlende revolutionäre Bewegung den Völkern zu bereiten pflegt, weltlicher Idealismus, Bildung, Wissen­schaft, Staatsgeist und Staatsgesinnung in keiner Weise gewachsen sind. Aber ebenso wenig ist es eine im Pochen aufs Bekenntniß erstarrte, ganz und gar salzlos gewordene Kirche und Kirchlichkeit. Denn wenn letztere helfen könnte, warum hat sie es nicht längst schon gethan? Das Buch von Goehre kann Allen die Augen öffnen, die sich in der bequemen Zuversicht wiegen, das Rüstzeug der Kirche sei immer noch stark genug, die unteren Schichten bis weit in das liberale Bürgerthum hinein in ihre Bahnen zurückzuzwingen. Es ist nicht möglich. Die Kluft ist zu groß geworden. Sie kann nur überbrückt werden durch eine wahrhafte und lebendige Religiosität, die nicht fortwährend durch inneren Zwiespalt gelähmt wird, hervorgerufen dadurch, daß das amtliche Bekenntniß sich nicht mehr deckt mit dem, was in der Gemeinde an religiösen Kräften lebendig ist. Es ist die höchste Zeit, daß die Kirche sich die Frage vorlege, ob die Entchristlichung des Volkes so weiter greifen oder ob sie nicht das Hauptstück der Lehre, die christliche Ethik, energischer und folgerichtiger unter Verzichtleistung einer Menge von Neben­dingen zur Wahrheit machen solle. Denn wenn die sociale Frage einem ent- christlichten Volke nahe tritt, so darf man sich nicht Wundern, daß die Arbeiter­klassen die Idee der Gleichheit zum Phantom der materiellen Güter und Genüsse verzerren und daß es andrerseits den besitzenden Classen an dem erforderlichen Maß von Opferwilligkeit und thätiger Liebe gebricht. Wenn heute das Bekennt­niß in den Vordergrund geschoben wird, da sehe man zunächst nur zu, was da­von in den kirchlichen Kreisen als wahrhaft lebendig übrig geblieben ist. Denn mit Schalen wirst man keine Berge um!