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Deutsche Rundschau.
giöse Interesse zu beeinträchtigen scheint. Daher sind Reibungen zwischen Kirche und Staat mehr für den letzteren als für die erstere mit Gefahr verbunden. Umgekehrt wird, wenn sich der Staat zur Förderung hierarchischer Macht hergibt, eine gleiche Gefahr von der Seite her drohen, die sich von jeder hierarchischen Herrschaft innerlich befreit hat und nur sich in ihrem Gewissen bedrückt fühlt, wenn Staats- und Kirchengewalt sich vereinigen, um im Dienste sogenannter höherer Zwecke die Gesellschaft zu vergewaltigen.
Der verhängnißvolle Jrrthum, in dem ein Theil unserer evangelischen Bevölkerung, namentlich der von den bürgerlichen Klassen sich fern haltende und darum ohne Verständniß für die herrschenden Strömungen dahin lebende befangen ist, liegt in der Verwechslung von Kirchlichkeit und Religiosität. Daher das Zusammengehen mit der katholischen Partei. Dieses Bündniß will der Gesellschaft Rettung bringen, kann es aber nicht, weil ein großer Theil unseres Volkes innerlich gebrochen hat mit den Formen, in denen das Rettungswerk sich bewegt. Deshalb nochmals: Wir protestiren gegen ein Werk, das retten soll, aber in Wirklichkeit nur zerstörend auf die idealen Mächte unseres Volkslebens wirken kann, daß nun die Schule, diese stille Bildungsstätte der Heranwachsenden Generation, zu einem Kampfplatz streitender Weltanschauungen und kämpfender Parteien erniedrigt wird, die des Streitobjects sich nur bemächtigen wollen, um ihrer Weltanschauung zum Sieg zu verhelfen.
Oder hätte etwa der Streit der Parteien — der Conservativen und der Liberalen — der Schule selbst etwas genützt? Wo liegen denn die Verdienste derselben? Bestehen sie etwa darin, daß die Conservativen die confessionelle, die Liberalen aber die Simultanschule auf den Schild hoben? Gewiß nicht. Denn damit haben sie von vornherein die Sache zu einem ganz falschen Gegensatz zugespitzt, abgesehen davon, daß die einen unter der Firma der Liberalität um gewisser höherer Zwecke willen jeweilig illiberal handeln zu dürfen meinten, die andern unter dem Namen des Christenthums vor Allem die kirchliche Herrschaft zu conserviren trachteten. Was von beiden schlimmer sei, braucht nicht untersucht zu werden. So viel steht fest, daß das Hin- und Herzerren an der Schule von außer-pädagogischen Standpunkten aus der ruhigen Entwicklung derselben nicht förderlich sein kann.
Auf das Conto der Conservativen muß gesetzt werden, daß der vorliegende Entwurf die Hierarchie gegen die Socialdemokratie ausspielt. Das heißt aber doch nichts Anderes, als den Teufel durch Belzebub austreiben. Die Reformationskirche darf in keinem Fall hierzu die Hand bieten, denn sie ist auf dem Princip des Reformirens, der Freiheit und Mitarbeit aller Glieder gegründet. Diese Principien sind die socialen Wurzeln der Reformation gewesen; sie sind es, die den Baum allein gesund erhalten können und darum auch das gesammte Bildungswesen durchdringen müssen. Daß sie die Freiheit und Mitarbeit aller Glieder vielfach aufgab und sie der kirchlichen Beamtenschaft in Verbindung mit der staatlichen Bureaukratie überlieferte, hat ihr viele Herzen entfremdet, und daß sie vollends vor jedem weiteren Reformiren zurückschreckt, hat ihr alle gemüth- anziehende Kraft genommen. Die Kirche wird von Tag zu Tag unfähiger, die entfremdeten Kreise wieder zu gewinnen. Besinnt sie sich nicht bald auf ihre