Heft 
(1892) 71
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Ein Thronerbe als Diplomat.

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Frage gestellt werden. Wenn wir Friedrich Ludwig bestrebt sahen, die Gunst der Mächtigen zu gewinnen, wenn er sich durch die ausweichenden Antworten Napoleon's, durch die kühle Reserve Champagny's nicht abhalten ließ, sein Ziel zu verfolgen, so war das nicht der Ausdruck serviler Gesinnung, sondern des Eifers eines pflichttreuen Agenten. Dabei war seine Stellung übrigens bei Weitem nicht so peinlich, als die mancher anedren Standesgenossen, die gleich ihm mit Beschwerden und Aufträgen nach Paris gekommen waren. Mußte sich doch Prinz Wilhelm von Preußen die rücksichtsloseste Behandlung gefallen lassen, als er wegen Abminderung der unerschwinglichen Contributionen verhandelte; wurde doch später der Herzog von Oldenburg, dem man sein Land genommen, nicht einmal empfangen. Immerhin erforderte auch die Lage des Erbprinzen manches Opfer der Eigenliebe und des Standesbewußtseins. Wenn auch seine amtlichen Berichte Klagen nach dieser Richtung hin oder Ausbrüche einer be­greiflichen Verstimmung nicht laut werden lassen, theils weil er dem Herzog unnöthigen Verdruß ersparen wollte, theils auch, weil die Postbeförderung zu unsicher war, so spricht doch das oft geäußerte, sehnliche Verlangen nach Rück­kehr genugsam dafür, daß er den peinlichen Zwang seiner Lage deutlich empfand. In seinen Briefen an befreundete Personen aus späteren Jahren finden sich außer­dem nachträgliche Belege dafür.

Aus der Betrachtung dieser Vorgänge, wie überhaupt der ganzen Rheinbunds­zeit können wir ein erhebendes Bild freilich nicht gewinnen. Auch hat die deutsche Geschichtschreibung mit ihrer Kritik nicht zurückgehalten und über die Politik der Höfe, wie über das persönliche Verhalten vieler Fürsten ein ver­nichtendes Urtheil gefällt. Der Rheinbund als solcher war nicht nur eine nationale Demüthigung; er wurde auch zur Pflanzstätte des Byzantinismus. Der deutsche Leser verweilt nicht gern bei jenen Blättern der Geschichte, auf denen so mancher unwürdige Act von Streberthum, Selbstsucht und Kriecherei verzeichnet steht. Allein anmaßend wäre es und unbillig, wollten wir mit pharisäischem Hochmuth auf jene Zeit herabblicken, die rühmlos und betrübend war, aber doch opfer­freudige Herzen und selbstlose Charaktere in den Reihen der deutschen Patrioten fand. Wir dürfen nicht das Maß von Selbstbewußtsein und Nationalgefühl, das zu hegen die Einheit und Machtstellung des deutschen Reichs uns berechtigt, an die Empfindungen und Handlungen einer Generation legen, welcher ein nationaler und politischer Mittelpunkt fehlte. Die damalige Zerrissenheit Deutsch­lands macht Manches begreiflich, was unter dem heutigen Gesichtspunkt un­würdig und tadelnswerth erscheint. Am wenigsten dürfen wir es den kleinen Fürsten und schwachen Regierungen Vorhalten, wenn sie, dem Drang der Um­stände nachgebend, eine Anlehnung bei derjenigen Macht suchten, die in Europa fast unbeschränkt zu gebieten schien, der die großen Cabinette huldigten, und die jeden Augenblick im Stande war, neue Bedrückungen auf ihr verarmtes Land zu wälzen. Und wo hätten sie Schutz gefunden gegen solche Gewaltacted bei dem Zaren, der mit schwärmerischer Inbrunst seinen neuen Freund in die Arme schloß, der bereit war, mit ihm die engsten Familienbande zu knüpfend bei dem alten Habsburger Hause, welches dies bald darauf thatsächlich ausführte d oder bei dem König von Preußen, der, obwohl seines halben Landes beraubt, dennoch