Ein Thronerbe als Diplomat.
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Die französische Theatertruppe, die aus neunzehn Personen bestand, war unter ihrem Director Dazincourt am 25. September angelangt. Ihre hervorragendsten Mitglieder waren die Schauspieler Saint-Priest, Talma, Lafond, Damas und die Damen Raucourt, Bourgoing, Duchenois, Gros und Patrat. Man gab in Erfurt fünfzehn Vorstellungen.
Das Erfurter Schauspielhaus war keineswegs auf so glänzende Aufführungen eingerichtet. Es war gerade von der Blondinffchen Seiltänzer- und Akrobatengesellschaft besetzt, die es schleunigst räumen mußte. Der geschickte Theatermaler Horny aus Weimar mußte in aller Eile den Vorhang und die Coulissen übermalen. Die Scene stellte die säulengetragene Vorhalle eines römischen Palastes vor. Eine Verwandlung auf der Bühne konnte nicht stattfinden.
Die Stadt befand sich in einer begreiflichen Aufregung, die um so größer war, als die erste Kunde von dem Eintreffen der Souveräne erst kurz zuvor, am 13. September, mit der Ankunft des kaiserlichen Palastpräsecten, Baron Canon- ville, dorthin gelangt war. Derselbe bestimmte das Gouvernementsgebäude zur Residenz des Imperators und verschiedene Privathäuser zu Wohnungen für die Souveräne und Würdenträger, indem er dabei aus den Hauswänden mit Kreide die Bezeichnung „maison 6s l'omxSrour" anbringen ließ. Für den Kaiser von Rußland war das Triebel'sche Haus auf dem Anger gewählt. Alle diese Wohnungen wurden nun möglichst Prachtvoll hergerichtet, die Straßen gereinigt, theilweise mit neuem Pflaster versehen und mit Ehrenpforten geschmückt, die aber, kaum fertig, wieder abgebrochen werden mußten, da sich Napoleon alle Empfangsfeierlichkeiten, außer den militärischen, verbat. König Jerome sandte sein silbernes Tafelservice und verschiedene Galakutschen, von denen eine achtspännige, prächtig vergoldete und mit echt silbernen Beschlägen versehene, später von den beiden Kaisern zu ihren Ausfahrten benutzt wurde.
Die zur Uebernahme des Ehrendienstes einrückenden Truppen waren ein Regiment Kaiserlicher Garden, das leichte Infanterie-Regiment Nr. 17, das sich bei Arcole ausgezeichnet hatte, das sechste Kürassier-, das erste Husarenregiment und eine Batterie. Stadt und Umgegend waren von Soldaten überfüllt.
Als Conferenzsaal war ein großes Zimmer im Gouvernement bestimmt und hergerichtet worden, dessen Fenster aus ein in der Nebenstraße liegendes, dem Herzog von Weimar gehöriges Gebäude gingen. Um die Geheimhaltung der Sitzungen zu sichern, wurden die Fenster dieses Gebäudes, nachdem die Erlaubniß von Weimar eingeholt war, zugemauert. Später aber hielt man einen anderen Raum für geeigneter, und nun mußte die Vermauerung wiederum an den Fenstern des diesem Raum gegenüberliegenden Hauses vorgenommen werden. Die Konferenzen wurden meist nach dem Theater abgehalten, welches bis zehn Uhr währte. Man gab u. A. „Mithridates", „Cinna", „Oedipus", „Die Horatier", „Phädra" und den besonders glänzend aus gestatteten „Mahomet".
Die Tage von Erfurt sind schon häufig von Augenzeugen beschrieben worden. Neuerdings haben die Memoiren Talleyrand's noch interessante Details darüber gebracht. Wir geben daher die Briefe, welche der Erbprinz aus Weimar und Erfurt an seinen Vater schrieb, nur im Auszuge und wählen daraus Dasjenige, was für den Autor und die ihm übertragene Mission besonders charakteristisch ist.